|
Über Inklusen Ein Wort
zuvor:
Wenn ich im Folgenden versuche, mich dem
Inklusenwesen zu nähern, so darf der Leser keinen Tatsachenbericht erwarten.
Die vorhandenen Quellen sind entweder normativer Art oder sie wollen als
Viten die Heiligmäßigkeit bestimmter Inklusen beweisen; sie haben also
Rechtfertigungs- und Vorbildcharakter, d.h. sie formulieren im Gewand der
Realität vor allem idealtypische Auffassungen von Personen und ihren Taten;
Bericht und Wirklichkeit stimmen also in vielen Punkten sicherlich nicht
überein und was als Realität daherkommt, hat oft symbolischen Charakter –
oder anders gewendet: die Wirklichkeit blieb oft hinter dem zurück, was in
den Quellen als Realität beschrieben wird, wobei wir allerdings vielfach nicht
entscheiden Können, wieweit Ideal und Wirklichkeit im Einzelfall
auseinanderklaffen. In diesem Sinne beschreibe ich also weniger,
wie es war, sondern wie es aus der Sicht kirchlicher Meinungsbilder hätte
sein sollen, wobei man aber die Wirkung dieser idealtypischen Darstellungen
auf den mittelalterlichen Rezipienten nicht unterschätzen sollte – weder
hinsichtlich des Unterhaltungswertes (bedienen die Texte doch nicht selten
Sensationslust und Voyeurismus von Autoren und Adressaten) noch im Hinblick
auf die Entwicklung christlicher Moral (bis in unsere Zeit). Inklusen (von lat. inclusio die Einschließung ) In mittelalterlichen Texten des deutschen Sprachraums spricht man meist von Inklusen (inclusus / inclusa), während im romanischen Sprachraum meist von Reklusen die Rede ist (reclusus / reclusa).
Die Wohnung der Inklusen wird in den Quellen cella, clusa, claustrum, clausula, reclusorium, inclusorium,
reclausia, reclusagium oder einfach
cellula reclusi genannt. Das Einschließen wird als includere, recludere, reclaudere, retrudere bezeichnet.[1] Im engeren Wortsinn sind Inklusen Männer oder Frauen, die - befristet oder lebenslänglich - ein extrem eremitisches Leben führen wollen und sich deshalb in einer Zelle einschließen oder sogar einmauern ließen, um - abgeschieden von der Welt - ganz der Vereinigung mit Gott leben zu können.[2] Sie stammen zumindest im Früh- und Hochmittelalter mehrheitlich aus dem Adel, während im Spätmittelalter auch wohlhabende Bürgerfamilien (z.T. möglicherweise auch Großbauernfamilien) vor allem eine Tochter in dieser Form der Askese Gott weihten. In der Frühzeit sind es zudem vor allem Mönche und Nonnen, die sich einschließen lassen, also eine noch konsequentere Klausur auf sich nehmen, als sie das Kloster bietet. Die Einschließung ist eine sehr alte asketische Lebensform. Schon einzelne Wüstenmönche der Ostkirche ließen sich alleine oder in kleinen Gruppen in Höhlen oder heidnischen Grabanlagen einmauern, um sich ganz auf Gott konzentrieren zu können. Denn, wenn man als Einsiedler ‚nur’ in einer unverschlossenen Behausung lebte, so hatte man doch „die Freiheit und die Möglichkeit umherzustreifen“ und sich weltlichen Dingen zu öffnen, „sodass der Geist unbeschränkt umherschweifen kann, von Sorgen und Kümmernissen hin- und hergerissen wird und sich von unreinen und unerlaubten Sehnsüchten beunruhigen lässt.“ [3] Seit dem 6. Jh. treffen wir auch im Westen auf Männer und Frauen (Ordensleute und Laien), die sich einschließen lassen. Zwischen dem 5. und 8. Jh. gibt die fränkische Kirche dem Inklusentum eine feste juristische Form: Auf der Synode von Vannes (455) wird festgelegt, dass nur Mönche/Nonnen Inklusen werden dürfen, und zwar nur solche, die sich durch ein besonders frommes Leben ausgezeichnet hatten. Dies durfte gemäß dem Geist der Regula Benedicti nur mit der ausdrücklichen Zustimmung des zuständigen Abtes erfolgen. Außerdem musste die Klause „innerhalb der Klostermauern“ liegen, d.h. sie war Bestandteil der Klausur. Allerdings scheint man diese Regelungen nicht immer konsequent beachtet zu haben. So berichtet Gregor von Tours von einem zwölfjährigen Knaben, der sich einmauern ließ. Daher sehen sich die Synoden von Age (506) und Orleans (511) veranlasst, erneut auf die Bestimmungen von Vannes zu verweisen Auch das 7. Konzil von Toledo (696) setzte noch einmal fest, dass die, die Inklusen werden wollten, vorher eine mehrjährige Probezeit in einem Kloster absolviert haben müssen.[4] Der Grund liegt wohl darin, dass mancher, der sich für diese Lebensform begeisterte, in der Einsamkeit der Klause erfahren musste, dass er der Lebensform nicht gewachsen war – ein Problem, das durch die Jahrhunderte bestehen bleibt. So schreibt noch Bernhard von Clairveaux (1090-1153) einem „Bruder Albert“ „Wenn du glaubst, dass Aufwendungen dieser Art (Fasten, Verzicht auf Unterhaltungen mit Frauen, Ernährung durch der Hände Arbeit, u.a.) dir zu viel sind …, dann hättest du gar nicht erst beginnen dürfen, was du nicht zu Ende führen kannst. …“ [5] Deshalb legt das Konzil von Toledo im Canon 5 fest, dass die Bischöfe volle Gewalt haben, Eremiten und Inklusen, die ein ärgerliches Leben führen, wieder in ihr Kloster zurückzuversetzen. Durch die Beschlüsse der fränkischen Reichssynode von 794 ist die Entwicklung vorläufig abgeschlossen: Das Inkluseninstitut wird der Autorität des Diözesanbischofs unterstellt, eine Prüfungszeit festgelegt und die einmal übernommene Verpflichtung für unauflöslich erklärt. Im 13.Jh. konnte nach Basedow (S. 24, Anm.1) nur der Papst von dem Inklusengelübde dispensieren. Im 10. Jh. läßt sich eine erste Blühte des Inkluseninstituts beobachten: Ruotger berichtet in der Vita des Erzbischofs Bruno von Köln: „Nichts, was zur Ausübung der Gottesverehrung gehörte, ließ dieser scharfsinnige Erforscher dessen, was Jesu Christi ist, unversucht. Deshalb nahm er solche, die er innerhalb und außerhalb seines Schafstalles fand und die das Einsiedlerleben suchten, um als Einzelkämpfer gegen den Teufel zu streiten, mit aller Erfurcht auf. Er stärkte sie auch durch seine liebevollen und tröstlichen Ermahnungen und ließ sie in verschiedenen Klöstern und Kirchen mit dem entsprechenden kirchlichen Zeugnis und einer angemessenen religiösen Verpflichtung[6] einschließen, bald einen, bald zwei zusammen; doch durften sie untereinander keine Gemeinschaft haben, außer im Gespräch und im gemeinsamen Anblick. (So lebten in Köln an St. Moritz z. B. um die Mitte des 12. Jh. Bertha und Glizmut als Inklusen) Er ließ ihnen den Unterhalt, und alles, was für die menschliche Gebrechlichkeit notwendig war, durch die treuesten Beamten seiner Verwaltung zuteilen und stattete den einzelnen, vor allem an den Apostelfesten des Jahres, mit persönlichen Geschenken einen Besuch ab. So bemühte er sich nach der klaren Vorschrift des Apostels[7], für das Gute zu sorgen nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen, so dass Menschen jeder Richtung und Beschaffenheit, wenn sie Gott suchten, als seine Schüler sich erproben und ausbilden lassen konnten.“ [8] Im 12./13. Jh. erlebte das Inklusentum noch einmal eine Steigerung, als sich vor allem Frauen (Jungfrauen und Witwen, also Laien) dazu entschlossen, in Zellen ein Einsiedlerleben zu führen. Seit dem 14. Jh. werden die Inklusen allmählich wieder in eine klösterliche Lebensweise überführt. Die einzelne Person heißt dann zwar immer noch Inklusa, aber sie lebt jetzt mit anderen Inklusen unter der Leitung einer Magistra in einer beginenähnlichen Gemeinschaft. Sie leben wie die Inklusen unter einer Regel, zunächst der Regel des Klosters, das sie seelsorglich betreut, im Laufe der Zeit übernehmen viele dann jedoch die Augustinerregel oder die Drittordensregel des hl. Franziskus. So werden in der 1. H. d. 15. Jh. die Inklusen/Beginen aus Neukerk in den Karmeliterorden aufgenommen. Im Laufe des 15. Jh. verlor dann das Inklusenwesen mehr und mehr an Bedeutung, um im 17./18. Jh. vollends zu erlöschen. Die meisten modernen Menschen können für diese Extremform des asketischen Lebens wahrscheinlich wenig Verständnis aufbringen. Der mittelalterliche Mensch hingegen hat die Männer und Frauen, die diese Lebensform wählten, bewundert und verehrt. Galt doch diese Lebensform als die beste Möglichkeit, den Gipfel der Vollkommenheit zu erklimmen. Die Inklusen, die sich einem Kloster anschlossen, unterlagen der Aufsicht und geistlichen Betreuung des jeweiligen Abtes; in allen anderen Fällen unterstanden sie in der Regel dem Pfarrer, in dessen Pfarrei die Klause lag. Allerdings werden auch diese Inklusen im Laufe der Zeit in die Obhut eines Klosters übergeben. Sie erhalten die Kleidung der Ordensschwestern, leben vielfach auch nach der zweiten oder dritten Regel des jeweiligen Ordens, sind aber keine Nonnen. Die „Klausen“ lagen anfangs wohl innerhalb des Klausurbezirks eines Klosters, d.h. in der Regel an der Nordseite der Klosterkirche, später dann aber bei einer Pfarrkirche oder Kapelle.[9] Aber auch andere, isolierte Orte waren möglich. So lebte die Inkluse Bertrada, von der Caesarius in DM V, 47 erzählt, vor dem Schloss Volmuntstein (Volmarstein, heute zu Wetter/Ruhr). Als das Inklusenwesen im 12. Jh. auch die Städte eroberte, lebten Inklusen aber auch in kleinen Häuschen vor dem Stadttor oder auf einem Pfeiler einer wichtigen Brücke. Sie waren dann so etwas wie die geistigen Hüter der Stadt, die das Böse fernhalten sollten. Im Gegenzug sorgte die Stadt für den Lebensunterhalt der Inklusen. Bauliche Überreste von Inklusorien sind kaum erhalten und auch in den sowieso spärlichen Quellen sind Nachrichten über Konstruktion, Anlage und Größe kaum zu finden. Die kleinen Häuschen dürften der einfachen Bauweise der jeweiligen Landschaft entsprochen haben (Fachwerk-, Holz-, Steinbauten). Nach der „Regula solitariorum“ des Grimlaicus[10] ist eine Klause ein ummauerter Bezirk, bestehend aus einer Zelle, einem Gärtchen und, falls der Inkluse ein Priester ist, aus einem kleinen Oratorium. (Nach Aelred von Rievaulx soll aber auch das Inklusorium einer Inklusin ein Oratorium haben.) Die Zelle soll an eine Kirche angebaut sein, damit der Klausner durch ein Fenster auf den Altar schauen und der Messe folgen, sowie beichten und kommunizieren kann. Das Fenster soll mit einem Vorhang verhängt sein, sodass man den Klausner von draußen nicht sehen kann. Auf der entgegengesetzten Seite soll ein zweites Fenster sein, durch das der Inkluse Licht und Luft empfängt. Durch dieses Fenster kann er aber auch mit seinen Schülern, die sich ganz in der Nähe angesiedelt haben, Kontakt halten.[11] Durch das Fenster empfängt er von ihnen seine Nahrung, belehrt sie und reicht ihnen die Werkstücke, die er hergestellt hat, zum Verkauf. Vor der Klause liegt (innerhalb der Ummauerung) ein Gärtchen, indem der Inkluse seinen Kohl und Blumen ziehen und sich erholen kann. Grimlaicus hätte es am liebsten, wenn sich innerhalb der Umfassungsmauer mehrere Klausner ansiedeln würden. Jeder hat dann seine eigene Zelle, diese sollen aber durch Fenster miteinander verbunden sein, damit sich die Inklusen gegenseitig ermuntern und anregen können. Dieser Entwurf erinnert an die später von den Kartäusern gewählte Lebensform. Nach einer englische Quelle (ca 1350 - „Regeln für Einsiedlerinnen“)[12] soll eine Klause drei Fenster haben: eines, das Sakramentsfenster, durch das Inklusen in die anstoßende Kirche schauen, der heiligen Messe beiwohnen, der Predigt lauschen und die heilige Kommunion empfangen können; das zweite, durch das sie mit ihrer Dienerin in Verbindung stehen (vielfach wurde eine Klausnerin von einer Dienerin versorgt, die in einem Nachbargemach lebte, das aber mit der Zelle der Klausnerin eben nur durch dieses Fenster verbunden war). Durch das dritte Fenster sollte sie mit Menschen der Außenwelt sprechen können. Dieses Fenster soll jedoch immer mit einem doppelten Tuch, auf das ein großes Kreuz genäht ist, verhängt sein, außer zu den Zeiten, wo die Klausnerin mit jemandem spricht; und auch dann soll sie sich so wenig wie möglich zeigen, damit sie niemanden versuche und von niemandem versucht werde; denn Blicke geben oft den ersten Anlass zur Sünde. Basedow zitiert S. 27 aus einer Regel aus Paumburg[13]: Das Haus einer Inkluse soll aus Stein sein und 12 Fuß im Quadrat messen. Es soll drei Fenster haben: eins zum Chor, durch das die Inkluse den Leib Christi empfangen kann, ein anderes, durch das sie ihre Nahrung empfängt und ein drittes durch das Licht einfällt. Es soll oben in der Ecke liegen und verglast sein. Es soll so konstruiert sein, dass man es mit einer langen Stange öffnen und schließen kann, um Luft hereinzulassen. In der Frühzeit erbaute das Kloster das Inklusorium. Später waren es auch wohlhabende Familien (Adelige, Patrizier) aber auch Kleriker, die eine Klause stifteten oder zumindest mitfinanzierten, unter Umständen auch für eigene Familienmitglieder. Viele Klausen wurden nach dem Tod eines Klausners neu belegt. Die Klause war dann aber in der Regel Eigentum des Klosters oder der entsprechenden Pfarrkirche. Die Ausstattung eines Inklusoriums war entsprechend dem Ideal der Askese karg und primitiv. Wichtigstes
Ausstattungsstück eines Inklusoriums war - folgt man Aelred von Rievaulx
(Inklusenregel Kap. 26) – ein kleiner Altar. Nach Aelred soll sie Inkluse dabei
auf Andachtsbilder verzichten, denn die
Augen sollen nicht durch ungehörige Buntheit ergötzt werden. Der Altar
soll ganz bescheiden nur mit weißem Leinen bedeckt sein. Der
Verarbeitungsprozess vom grauen zum weißen Leinen wird für Aelred zum Symbol
für den Läuterungsprozess, den die Inkluse durchlaufen soll.[14] Auf
dem Altar soll das Bild des am Kreuz hängenden Erlösers genügen.
Es soll der Inkluse Christi Leiden, dass sie nachahmen soll, vor Augen
halten; mit den ausgebreiteten Armen soll Christus die Inkluse ermuntern, ihn
freudig zu umfangen; aus der entblößten Brust flöße er ihr die Milch der
Freude, in der sie Trost finden möge. Wenn es der Inkluse gefällt, dann kann
sie neben dem Kreuz auch noch ein Bild der jungfräulichen Mutter und des
jungfräulichen Jüngers aufstellen, um sich stets den Glanz der
Jungfräulichkeit vor Augen zu halten.[15] Ob die Klause immer ein Bett hatte, ist fraglich. Liutbirg (+um 876/882), sie lebte als Inkluse im Kloster Wendhausen/Thale (sw. v. Quedlinburg), hatte eine „eine kleine Bettstelle, mit gedrechselten Pfosten fest zusammengefügt, darauf eine Matte, auf der sie zu schlafen pflegte. Eines Tages hörte sie eine Stimme. Der Verfasser ihrer Vita spricht von der Stimme eines Geistes, dessen Art er nicht definieren will; in Wahrheit hält er ihn für einen Teufel, glaubt aber, dass er im Auftrag Gottes handelt; m. E. ist es ihr eigene Gewissen, das ihr in dem Willen, ihre Askese zu verschärfen, zurief: „Wer ein solches Leben führen will, , darf nicht in einem solchen Bett schlafen.“ Da wurde sie unruhig und begann zu überlegen, wie sie das Bett wohl durch das schmale Fenster schaffen könnte. Denn sie traute es sich nicht zu, es mit ihren schwachen Kräften zu zerbrechen. Sie konnte es nämlich nur ein Wenig vom Boden hochheben. Und während sie noch überlegte, wurde das Bett von einem Geist emporgehoben und zerschellte auf dem Boden. Dabei brach es in kleine Teile auseinander, so dass sie es stückweise aus dem Fenster hinauswerfen konnte.“ [16] Die Inkluse Wilbirgis (St. Florian/Oberösterreich, * 1289) hingegen hatte wohl überhaupt „keine bestimmte Schlafstelle oder sie nutzte sie nicht; dort wo sie der Schlaf in ihren Gebeten und Betrachtungen überwältigte, lehnte sie das Haupt zurück schlief ein wenig.“ [17] Andere schliefen wenigstens auf einer Strohmatte. Als Kopfkissen diente oft ein Stein oder ein Holzblock. Für Aelred hingegen ist es selbstverständlich, dass die Inkluse ein „lectulum“, ein kleines Bett oder eine Art Pritsche hat, auf der sie ruhen kann. Alles andere würde dem Prinzip der Ausgewogenheit widersprechen. In der
Frühzeit des Inklusentums waren die Zellen ungeheizt. In der Vita Wilbirgis
(vgl. Anm. 24) heißt es: „Obwohl ihre
Zelle für Wind und Frost durchlässig war, bekämpfte sie deren Gewalt weder
mit Hilfe von Feuer noch von Kohlen.“ – gemeint sind wohl kleine Becken,
gefüllt mit glühenden Kohlen, auf die man die Füße stellte. Den Viten kann
also Glauben geschenkt werden, wenn sie davon berichten, dass viele Inklusen
elend krank waren und jahrelang an den Folgen von Erfrierungen litten. Bei
der Auffindung von Wiboradas[18] Leiche stellte man
fest, dass durch den Frost ein Arm und ein Bein verkrüppelt waren. Im 13./
14. Jh. wurden die Vorschriften allmählich abgemildert: Inklusorien durften
geheizt werden. Bei Grimlaicus ist auch ein Trog erwähnt, an dem sich der
Inkluse waschen konnte. Von der
Inkluse Wiborada wird berichtet, dass sie dreimal im Jahr ein Bad nahm, wozu
sie die Erlaubnis des Abtes einholte. Von Wilbirgis wird erzählt „sie badete
niemals.“[19] Als Gebrauchsgegenstände nennt die Paumburger Regel einen Topf, einen Napf und einen Becher. Nach der Terz stellt die Inkluse den Topf und den Becher vor das Fenster und schließt es wieder. Etwa zur Zeit der Non kommt sie und sieht, ob etwas zu essen darin ist. Wenn das so ist, setzt sie sich ans Fenster und isst und trinkt. Demnach muss, falls sie sich nicht auf den Boden setzte, in der Nähe des Fensters ein Tisch auf jeden Fall aber ein Stuhl oder Hocker gestanden haben. Die Ernährung der Inklusen orientiert sich
an den asketischen Prinzipien des Fastens. Die Inkluse soll nach Aelred von
Rievaulx mit der Speise so sparsam
sein, dass sie den Körper gerade noch bei Kräften hält. Im Einzelnen
führt Aelred dazu aus: „Der heilige Benedikt billigt dem Mönch
ein Pfund Brot und eine Hemina Wein zu.[20]
Auch wir versagen es den zartesten und
schwächeren Inklusen nicht. Für die jüngeren und stärkeren ist es jedoch von
größtem Nutzen, sich jedes berauschenden Getränks zu enthalten. Feineres Brot[21]
und üppige Speisen meide die Inkluse: sie sind Gift für die Keuschheit. Ihre
Sorge um die Bedürfnisse gehe nur so weit, dass sie den Hunger stillt und ihr
Begehren nicht sättigt. Normalerweise soll die Inkluse nur eine Speise aus Kohl oder
Hülsenfrüchten oder aus Dinkelmehl haben; dazu füge sie ein wenig Öl oder
Butter oder Milch und mache mit dieser Würze das Essen ein wenig
schmackhafter. Dazu füge sie – wenn sie welches hat Obst und frische Kräuter.
Den Schwächeren billigt Aelred auch ein Abendessen zu, bestehend aus ein wenig Milch oder einem Stück Fisch
oder sonst etwas dieser Art, was ihr gerade zu Gebote steht. In der Zeit
vom 14. September (Fest der
Kreuzerhöhung) bis zur Fastenzeit sollen außer den Kranken möglichst alle nur
eine Mahlzeit zu sich nehmen und zwar zur neunten Stunde. Zwischen Ostern und
Pfingsten und den ganzen Sommer hindurch soll die Hauptmahlzeit zur sechsten
Stunde eingenommen werden. In dieser Zeit ist am Abend eine kleine Stärkung
erlaubt. Zusätzlich zu den regulären Fastenzeiten (40 Tage vor Weihnachten und
40 Tage vor Ostern, die Vigiltage vor den Heiligenfesten und die
Quatembertage[22])
soll die Inkluse an jedem Mittwoch und Freitag fasten – das bedeutet nur eine
Mahlzeit (nach der Vesper), die man nach seinen eigenen Möglichkeiten
reduzieren soll. An den Freitagen soll die Inkluse nur bei Wasser und Brot
fasten. An den Sommertagen aber, an
denen sie fastet, sei es erlaubt, anstatt des Mittagsschlafes dem schwachen
Körper dem schwachen Körper zwischen Matutin und Prim eine kurze Ruhe zu
gönnen. In der Praxis gehen
einzelne Inklusen jedoch weit über das benediktinische Maß hinaus: Ungeachtet
ihres zarten und vom ständigen Fasten geschwächten Körpers übte Liutbirg eine
solche Enthaltsamkeit in Speise und Trank, dass sie einzig von trockenem Brot
mit Salz und Kräutern lebte und nur am Tag des Herrn ( Sonntags) und an Festtagen Hülsenfrüchte und kleine
Fische zu sich nahm; aber das auch selten und in geringer Zubereitung.
Erfrischung des Mahles boten ihr nur
Erdbeeren und Wildäpfel, wenn deren Zeit gekommen war. [23] Von Wilbirgis
heißt es in ihrer Vita: „Wie man es
auch über Judith liest[24],
fastete Wilbirg an jedem Tag, außer am Sabbat, d.h. am Tag des Herrn, der ja
in unserem Gesetz der Tag der Erholung ist. Von diesem Vorhaben konnte sie
durch nichts abgehalten werden, außer durch sehr drängende körperliche Not,
oder wenn sie einem vertrauten, innigst lieben und frommen Gast, der darum
bat, Freundlichkeit erweisen wollte; dann aber nicht von körperlicher
Bequemlichkeit veranlasst, sondern vom Stachel der Liebe. Sie verbrachte
jeden sechsten Tag und in den vierzig Tagen der Fastenzeit zumindest drei
Tage pro Woche in vollständiger Enthaltsamkeit – auch von Wasser und Brot
(!). Ebenso verbrachte sie die Festtage der Hl. Jungfrau, der Apostel und
anderer wichtiger Heiliger, sowie noch andere Tage, die sie aber geheim
hielt. Dies tat sie so lange, bis es notwendig wurde, dass sie, vom Alter und
der Mühe verbraucht, nach dem Rat, dem Willen und schließlich sogar auf den
Befehl ihres Beichtvaters die Enthaltsamkeit einschränkte. (28) Fleisch oder aus Fleisch bereitete Speisen aß sie vom ersten Tag ihrer Einschließung auch in größter Not nicht. Gekochtes und Gebratenes (dies meint natürlich Gemüse, aber auch Fisch und Geflügel, Fisch und Geflügel gelten im Mittelalter nicht als Fleisch; Fleisch stammt nur von Vierbeinern.) aß sie nur selten; häufig aber gewöhnliche, ungekochte Speisen. Wie sehr ein
derartig gewalttätiges Fasten nicht nur den Körper, sondern auch das
Bewusstsein beeinträchtigt, zeigt die folgende Episode: Als sie aber einmal durch eine schwere Krankheit entkräftet war,
dachte sie, dass sie zum Dienst für Gott ihre Kraft durch das Essen von
Fleisch wiederherstellen könne und müsse (eine Entscheidung, die voll den
Prinzipien der Regula Benedicti entspricht!).Sie wollte aber ihre engste Freundin[25]
durch solche Übertretung ihres Gelübdes nicht verärgern und veranlasste
daher, dass ihr von einer ihr vertrauten Frau in aller Heimlichkeit die
Fleischmahlzeit zubereitet wurde. Als Wilbirg schließlich glaubte, diese ungesehen
essen zu können, da saßen in der Schüssel vier dicke Frösche. Da erstarrte sie und erkannte ihre
Verfehlung. Sie nahm sich vor, die
ganze Zeit ihres Lebens diese Dinge nicht mehr zu begehren. In den Augen
des Vitenschreibers ein klarer Fingerzeit Gottes; in meinen Augen eine
typische Halluzination, ausgelöst von einem überreizten Gewissens in einem fieberkranken Körper. Vom Genuss des Weines enthielt sie sich
ganze 16 Jahre völlig, bis sie wegen einer schweren Krankheit durch die
Tugend des Gehorsams gezwungen wurde, Wein zu trinken (der
Abt von St. Florian hatte ihr offenbar den Weingenuss als Medizin verordnet). Sie genoss ihn aber mit solcher
Zurückhaltung, dass man glauben könnte, der Grund dafür sei nicht die
Linderung der Not, sondern nur die ihres Verdienstes um den Gehorsam. (29)[26] Inklusen
trugen in der Regel die Kleidung des
Ordens, unter dessen Fürsorge sie standen. Nach Aelred soll die Kleidung „nur dazu dienen, die Kälte abzuwehren. Im
Winter soll sie daher dickere Felle und Pelze tragen[27],
im Sommer soll jedoch eine Tunika genügen. In beiden Jahreszeiten braucht sie
aber zwei Hemden oder Unterkleider aus
Hanf [28]
. Der Schleier soll nicht aus feinem oder kostbarem Tuch sein, sondern aus
mittelmäßigem schwarzem Stoff, damit es nicht aussieht, als wolle sie durch
die bunte Farbe ein stattliches Aussehen erzielen. An Fußbekleidung (Socken
und Stiefeln) soll sie so viel besitzen wie notwendig ist. Und als Wächterin
über ihre Armut soll sie sorgfältig darauf achten, dass sie sogar ein bisschen
weniger hat, als die berechtigte Notwendigkeit ihr zugestehen könnte. Aus
den Worten Aelreds spricht das benediktinische Prinzip in allem, auch in der
Askese das rechte Maß zu finden, das den
Möglichkeiten des Einzelnen gerecht wird. So schließt Aelred denn auch
diese Passage mit den Worten: Den
Schwachen habe ich eine maßvolle Lebensweise vorgelegt, den Stärkeren aber
die Freiheit gelassen, zu größerer Vollkommenheit fortzuschreiten.[29] Zu diesen
„Stärkeren“ gehörte offenbar die schon öfter zitierte Wilbirgis: sie trug gewöhnlich am Körper kein Leinen.
Wenn sie einmal ihr Bußkleid[30]
nicht trug, kleidete sie sich mit
einem einfachen, wollenen Gewand direkt auf der Haut, das sie aber mit
besserer Kleidung darüber verdeckte. Ihre Kleidung war so spärlich und dünn,
dass diese die Härte des Winters nicht abhalten konnte und kaum ihre Blöße
bedeckte. Schuhe trug sie keine. Des öfteren wurde sie an den Füßen durch die
Heftigkeit der Kälte so angegriffen, dass sie nicht einmal mehr innerhalb
ihrer Zelle herumgehen konnte.[31] Manche
Inklusen steigerten ihre Bußübungen noch, indem sie eiserne Ketten (Wiborada)
oder Gürtel anlegten: Als z.B.
Wilbirg(is) den Dienst für Gott begann, bereitete sie sich auf Anfechtungen
auch durch körperliche Züchtigungen vor. Denn in jener Zeit schnürte sie sich
mit einem eisernen Gürtel, der so beschaffen war, dass er bald enger bald
weiter gestellt werden konnte, wie es ihr gerade passte. Weil sie aber daran
dachte, dass sie diesen vielleicht einmal nicht wegen irgendeiner
Notwendigkeit, sondern aus Bequemlichkeit ihrer Seele weiter machen könnte,
ließ sie ihn so befestigen, dass sie ihn, auch wenn sie gewollt hätte, auf
keine Weise lockern konnte. Nachdem Wilbirg den Gürtel zwei Jahre hindurch getragen hatte, hatte dieser ihr Fleisch zum eitern gebracht. Daher verdeckte das eitrige Fleisch, das hervorquoll und immer weiter wucherte, den Gürtel so, dass man ihn nicht mehr sehen konnte. Schließlich zerbrach dieser und zersprang in vier Teile. Dabei riss er einen Teil des verfaulten Fleisches nicht ohne große körperliche Schmerzen mit sich. Wilbirg aber glaubte, dass dies nicht gemäß dem Willen Gottes sozusagen als Lohn für ihre Verdienste geschehen sei, sondern dass der Eiter die Härte des Eisens gebrochen hätte. Deswegen wünschte sie von ganzem Herzen, dass die Teile wieder zusammengefügt würden und sie sich mit diesem Gürtel aufs neue fesseln dürfte. Gott gibt - so der Chronist schließlich ihrem Drängen nach, um ihr dann aber schließlich klar zu machen, dass sie sich demütig seinem Willen beugen und darauf verzichten müsse, den Bußgürtel noch länger zu tragen. (Kap. 43-44). Diese Passage ist möglicherweise ein Reflex auf die kritische Haltung der Amtskirche gegenüber übertriebenen Formen der Askese, die der Autor m.E. aber nicht wirklich teilt. Ich denke hier z.B. an sein Schwelgen in der Geißelszene (s.u.). Vielleicht wird hier aber auch nur in einem fiktiven Gnaden- und Erziehungsakt Gottes symbolische verschlüsselt, dass sich in Wilbirg die Einsicht durchsetzte, dass sie diese „asketische Übung“ abbrechen musste, um ihr Leben nicht vorzeitig zu beenden. Auch der Priester, der sich in der Kirche des hl. Maximinus zu Köln einschließen ließ, trug einen eisernen Bußgürtel, allerdings weniger aus Lust an der Askese, sondern um für seine schwere Schuld zu büßen; er hatte nämlich vor seiner Bekehrung eine Geliebte gehabt. Diese hatte sich offenbar auch bekehrt und lebte nun in dem von ihrem Geliebten gestifteten Frauenkloster St. Maximin; sie trug ebenfalls einen eisernen Bußgürtel.[32] Eine andere Form der Abtötung des Körpers und zugleich der versuchten Annäherung an den leidenden Christus, wie sie viele Asketen pflegten, finden wir ebenfalls bei Wilbirgis: „Bei der körperlichen Züchtigung hatte sie folgende Gewohnheit: Täglich gab sie sich zur Zeit der Matutin (also vor Tagesbeginn, im Morgengrauen) mit einer Rute vom Dornenstrauch hundert Hiebe, zur Prim und den anderen Horen[33] mit derselben oder einer ähnlichen 50 Hiebe. Dazu kamen noch die Schläge für besondere Freunde und deren Nöte (etwa um jemandem den Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen oder um eine drohende Strafe Gottes abzuwenden [wie Unwetter etc]. Oft wurde sie bei solchen Andachtsübungen bei der Erinnerung an das Leiden des Herrn von solcher Glut ergriffen, dass sie nicht nur ihren Rücken, sondern ihren ganzen Körper und alle ihre Glieder mit Geißelstreichen verwundete. Kamen aber fromme Frauen zu ihr und übernachteten in ihrem Hause, dann konnte sie sich wegen des Geräusches nicht in gewohnter Weise züchtigen; dann zog sie sich die Dornenrute so oft über den Rücken, wie sie sich sonst damit schlug. (28) Diese furchtbaren Kasteiungen wirken auf den modernen Leser merkwürdig pervers und veranschaulichen in erschreckender Weise das christliche Leib-Seele-Missverhältnis. In diesem Sinne ist der Text ein Glied in der Kette einer langen Tradition, deren Auswirkungen noch S. Freud bei verschiedenen Patienten beobachten konnte: diese erweckten den Eindruck, als seien sie übermäßig moralisch gehemmt. Sie standen unter der Herrschaft eines besonders empfindlichen Gewissens und bekundeten ein aus ihren Schuldgefühlen hervorgehendes Strafbedürfnis. [34] Auch im 13. Jh. versteht man derartige asketische Übungen als Buße für eigene und fremde Schuld. Nach den Vorstellungen des Mittelalters strebten die Menschen, die solchen asketischen Übungen frönten, nach dem Status der Märtyrerinnen. Märtyrer kommen nämlich nach den Jenseitsvorstellungen der Zeit als die ganz Guten ohne Umwege über das Purgatorium (Fegefeuer) ins Paradies und damit unmittelbar nach ihrem Tod zur Anschauung Gottes. Durch strengste Entsagung und die Schmerzen, die sie durch Fasten, Schlafentzug, Geißelung etc. und die Folgen der askesebedingten Krankheiten willentlich dem Körper zufügen, sollte ein Doppeltes erreicht werden: Zum einen wollte sich die Inkluse von aller Sündenschuld, die sie vor ihrer Einschließung auf sich geladen hatte, reinigen. Zum anderen wollte sie dauerhaft ihren Körper von seinen Begierden reinigen, denn diese gefährden bekanntlich die ewige Seligkeit. So wurden die grausamen Selbstfolterungen, die man – nach Aussage der Texte - am Ende auch nur mit Gottes Hilfe[35] durchstehen konnte, als Treue zu Gott und als Auserwählung durch Gott interpretiert. Diese Selbstfolterungen galten aber auch als Mittel zur Selbsttranszendierung, insofern durch die Zerstörung des Körpers die Seele aus ihrem „Kerker“ heraustreten konnte und damit in die Lage versetzt wurde, sich mit Gott zu vereinigen. Damit werden Martyrium und Selbstfolter als körperliche Hingabe an Gott gepriesen. Liest man die Texte nicht durch die ideologisch gefärbte Brille der Mönche, sondern mit dem kritischen Auge des modernen Lesers, so verweisen Attribute wie „mannhaft“ und „männlich“, mit denen die Asketinnen (ähnlich wie viele weibliche Heilige) immer wieder belegt werden, darauf, dass es offenbar auch das Ziel der Frauen war (von ihren Seelenführern verführt), sich durch diese asketischen Übungen über das gesellschaftliche Vorurteil vom „schwachen und sündigen Geschlecht hinwegzusetzen und zu vermännlichen, was sich ja schon sehr bald nach der Einschließung im äußeren Erscheinungsbild zeigt: durch das lange Hungern verlieren die Asketinnen allmählich ihre äußeren Geschlechtsmerkmale, was sie für einige besonders gestörte Männer allerdings besonders anziehend macht, wie im Folgenden noch zu sehen sein wird. Wie denn überhaupt manche Übertreibungen in den Viten die Frage aufwerfen, wie weit sich in ihnen sexuelle Gewaltphantasien (nicht nur von Männern) austoben. Durch die oben beschriebene Ideologie der „Abtötung des Körpers“ wird viele hundert Jahre lang systematisch alle Lust aus der Religion verdrängt und in den Schmutz getreten. Da sich Lust aber letztlich nicht verdrängen lässt, wird sie am Ende unter anderem durch die oben beschriebenen Perversitäten bedient – und zwar nicht nur bei der Inkluse (sie wird von heißer Glut ergriffen), sondern auch bei all jenen, die diese „erbaulichen“ Geschichten lesen oder vorgelesen bekommen. Eine andere Möglichkeit, Lust durch die Hintertür wieder zuzulassen, begegnet in den Phantasien (Visionen) der Inklusen: So verwandelte sich eine Hostie, die Wilbirg zeitweise in ihrer Zelle aufbewahrte, um Mitternacht (zur Geisterstunde!) in den Christusknaben. In der Hl. Nacht, als sie nach langer, mühevoller Andacht über heilige Dinge nachdachte, entbrannt sie im Herzen in Sehnsucht, dass der Herr ihr die Stunde seiner Geburt durch irgendein Zeichen besonderer Gnade anzeige. …Zum ersten Schlag der mitternächtlichen Stunde erschien ihr der Christusknabe. Dieser machte die ganze Zelle hell und glänzend. Der Knabe entflammte Wilbirg in Andacht und Liebe dermaßen, dass sie sich vor süßer Liebe kaum fassen konnte. Er spielte ausgelassen und blieb bei ihr, solange sie für sich und die ihr teuren Menschen betete. Ihre Bitten hörte er mit geneigtem Haupt an, nickte und kehrte schließlich an seinen früheren Platz (die Hostiendose) zurück. Dabei segnete er sie und sagte: „Du, meine Geliebte, wirst zu mir kommen.“ (42) Aber auch in den Teufelserscheinungen begegnen uns sexuelle Phantasien: Einmal, als sich die Jungfrau sehnlichst aus ganzem Herzen wünschte, den Engel, der zu ihrem Schutze bestellt ist, zu sehen, erschien ihr plötzlich ein wunderschöner Jüngling und sprach zu ihr: „Siehe! Ich bin da, so wie du mich ersehnt hast. Wenn du also meine Anwesenheit dauerhaft genießen willst, dann öffne deinen Mund. Ich werde in dich eindringen und niemals von dir weichen!“ Wilbirg kommt dann aber offenbar wieder zu sich, beginnt zu beten und der Engel, den sie jetzt als Engel der Finsternis begreift, löst sich auf. (42) Nach der Einschließung ist Wilbirgis dann aber auch Ziel verschiedener „realer“ (?) Verführungsversuche (bei denen sie in einem Fall durch einen Messerstich in die Brust schwer verletzt wird), obwohl Wilbirg, damals noch keine dreißig Jahre alt, auf Grund der ständigen körperlichen Züchtigungen, der Härte des Fastens und der Gebete, sowie der ständigen Bedrohungen durch die Teufel schon so geschwächt war, dass sie eher Verachtung als eine Umarmung zu wollen schien (52). Es ist nicht auszumachen, ob Wilbirgis diese Geschichten tatsächlich erlebt oder in langen einsamen Nächten erträumt hat oder wie viel der Phantasie des Autors entsprungen ist, der als Mönch wahrscheinlich selbst seine Probleme mit der „Lust“ hatte und – immer auf der Suche nach guten Exempla (Beispielgeschichten für seine Predigten) - sich in seinem Schreiben möglicherweise selbst befriedigt. Einwik schildert in den Kapiteln 52 bis 58 in zum Teil recht dramatischen Szenen insgesamt drei Vergewaltigungsversuche, in denen die Tugendhaftigkeit der Jungfrau triumphiert und Gott die Täter ihrer gerechten Strafe zuführt: ein Knecht, der für seinen Herrn übers Dach in die Klause eindringt, um von innen die Tür zu öffnen, stürzt dabei so unglücklich, dass er den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt ist. Um die entsprechende Fallhöhe zu erzielen, wählt der Autor als Täter Männer aus der „feinen“ Gesellschaft u.a. einen Adeligen von gutem Ruf, ein besonderer Wohltäter des Klosters“ und Wilbirgs Beichtvater, den Zisterziensermönch Gutolf, ein Mann von großer Beredsamkeit, der Wilbirgis nicht nur zum Beischlaf verführen wollte, sondern sie auch zu überreden versuchte, die Klause zu verlassen und mit ihm in ein fremdes Land zu ziehen. Als sich Wilbirgis ihm verweigerte, verleumdete er sie beim Abt, indem er die Geschichte so darstellte, er habe Wilbirg prüfen wollen und die sei bereit gewesen, ihm zu willen zu sein, was die Klostergemeinde auf Grund des hohen Ansehens, das Gutolf genoss, auch glaubte (wobei allerdings merkwürdig ist, dass Wilbirgis nicht in irgendeiner Weise zur Rechenschaft gezogen wird). Gutolf avancierte dann zum Abt von Marienberg in Ungarn (heute Burgenland), wo er aber durch das Eingreifen Gottes entlarvt und schändlich davon gejagt wurde. Die Ordnung des Tagesablaufs eines Inklusen oder einer Inklusin verlief ähnlich dem eines Mönchs oder einer Nonne. Von Joh. Busch[36] wissen wir, dass sie sich dabei an den Regeln und Gebräuchen des Ordens orientierten, der sie betreute. Eine präzise Vorschrift, die sich an der Regula Benedicti und den Zisterzienserbräuchen orientiert, finden wir in der Inklusenregel Aelreds von Rievaulx. Die Tageseinteilung erfolgt in der traditionellen Stundeneinteilung (Horen), wobei die einzelne Stunden je nach Jahreszeit kürzer oder länger bemessen sind als unsere Stunden heute: die mittelalterliche Hora kann 45 bis 75 Minuten umfassen. Das liegt daran, dass im Mittelalter die erste Stunde mit Sonnenaufgang begann und die letzte Stunde (die zwölfte) mit Sonnenuntergang endete. Alter monastischer Tradition folgend strukturiert die Inklusenregel den Tag konsequent durch den Wechsel der Elemente Gebet, Lesung und Arbeit. Das Ziel dieser lückenlosen Festlegung, was wann zu tun ist, ist ein Doppeltes: - zum einen will Aelred keine Untätigkeit aufkommen zu lassen, denn die Untätigkeit ist die Feindin der Seele; von ihr muß sich eine Inkluse mehr als von allem anderen in Acht nehmen. Sie ist nämlich die Mutter aller Übel, die Urheberin der Begierde, die Förderin der Unstetigkeit, die Nährmutter der Laster, der Zündstoff des Überdrusses, die Quelle der Traurigkeit. Sie sät die schlechtesten Gedanken, lässt unerlaubte Neigungen aufkeimen und entfaltet Sehnsüchte. Sie bringt die Abneigung gegen die Ruhe hervor und flößt einen Schauder vor der Zelle ein. Niemals soll dich also der böse Geist untätig finden. - zum anderen soll die Inkluse keines dieser Elemente übertreiben. Im Sinne des Prinzips des „Maßhaltens“ betont Aelred, dass die Inkluse die Länge der einzelnen Phasen entsprechend ihrer Konzentrationsfähigkeit selbst festlegen soll; Hüte
dich, sagt Aelred, dir bezüglich
der Zahl der Psalmen eine bestimmte
Norm aufzuerlegen.: solange die
Psalmen dich erfreuen, genieße sie; beginnen sie aber , dir eine
Last zu werden, dann wende dich der Lesung zu; wenn du dieser überdrüssig
wirst, wende dich zum Gebet. Es darf also kein Überdruss entstehen. Denn der Überdruss verleitet ebenfalls zu Untätigkeit. Daher muß die Untätigkeit durch die Abwechselung in den geistlichen Übungen bekämpft und unsere Ruhe durch einen gewissen Wechsel der Tätigkeiten gefestigt werden. Eine gesunde Abwechslung erfrischt zudem nach Aelred den Geist. Nach Aelred soll die Inkluse von
November bis zur Fastenzeit - etwa zur Hälfte der Nacht aufstehen und die Vigilien beten; - dann folgen persönliche Gebete, - das Offizium der Hl. Jungfrau und - Lesungen im Wechsel mit persönlichen Gebeten und Handarbeit. Während der Handarbeit soll die Inkluse Psalmen singen, damit ihre Gedanken nicht in weltliche Phantasien abschweifen. In den
persönlichen Gebeten soll sich die Inkluse „Jesus zu Füßen werfen, durch wiederholte Nennung seines süßesten
Namens Reue erwecken und Tränen hervorrufen und das Herz vor jedem Umherschweifen
bewahren.“ - Bei Tagesanbruch folgen dann Laudes und Prim, dann wieder ein Wechsel von Lesung, persönlichem Gebet und Psalter bis zur Terz (3. Stunde) - folgt das Gebet der Terz - dann Arbeit bis zur Non (9. Stunde) - dann Essen – danach wieder im Wechsel von Lesung, persönlichem Gebet und Psalter, unterbrochen von Handarbeit - Vesper - Kurze Pause - Lesung aus dem Leben der Väter (gemeint sind die Lebensbeschreibungen der frühen Mönche) - Komplet - Nachtruhe Aelreds Anweisungen für die Fastenzeit sind annähernd gleich: er verlängert die Zeit für Handarbeit um eine Stunde, verlegt das Essen in die Pause nach der Vesper und statt der Väterlesung soll die Inkluse Psalmen beten. In der Zeit zwischen Ostern und November bleibt das Offizium bis zur Terz das gleiche wie im Winter. Von der dritten bis zur sechsten Stunde soll dann „die Lesung ihren Geist in Anspruch nehmen. Wenn sie nach der Sext dann ihr Mahl eingenommen hat, soll sie bis zur Non auf ihrem Lager ruhen[37] und dann bis zur Vesper Handarbeit verrichten. Nach der Vesper aber soll sie frei sein für Gebet und Psalmen und die Stunde der Väterlesung so legen, dass noch vor Sonneuntergang das Bett ihre Glieder aufnimmt. Man muss sich nämlich zu jeder Zeit davor hüten, dass die Nacht mit ihrem Dunkel das ganze Tageslicht auslöscht, ehe man schlafen geht. So würde man gezwungen zu schlafen, wenn man wachen müsste.“ Aelred sorgt sich offenbar darum, dass die Inkluse zur Vigil möglichst ausgeschlafen ist. Die Lesung (lectio divina) ist wie in den Klöstern so auch in den Inklusorien neben dem Offizium (den Stundengebeten, in denen vor allem die Psalmen gebetet werden) die zentrale Aufgabe der Eingeschlossenen. Die im Jahreskreis immer neue Lektüre der Hl. Schriften war das entscheidende Mittel, das Wort Gottes in seiner ganzen Tiefe zu erfahren, d.h. in letzter Konsequenz: sich Gott selbst zu nähern. Im Mittelalter wurde dabei eine andere Lesetechnik praktiziert als heute: man las nicht still, sondern halblaut. Diese akustische Lektüre fordert beim Leser nicht nur die Sinne sehen, sprechen und hören, sondern simuliert und imaginiert auch die erstrebt Kommunikation mit Gott: Gott spricht durch die Hl. Schrift zum Menschen, dieser hört das Wort Gottes und indem er sich immer mehr in das Gelesene meditierend vertieft, findet er schließlich im persönlichen Gebet zum Gespräch mit Gott. Im Gebet steigt der / die Inkluse immer höher zu Gott empor und erhält dabei einen Vorgeschmack des Himmels. „Arbeit“ ist ein traditionelles
Element des Mönchtums. Nach römischer Vorstellung gilt der als arm, wer sich
seinen Lebensunterhalt durch Handarbeit selbst verdienen muß, weil er kein Geld hat sich
Sklaven zu kaufen, die diese Arbeit für ihn erledigen. Ein solcher Mann hat
keine Muße, d.h. er kann sich nicht an
der Politik etc. beteiligen. Muße aber verleitet nach der Meinung der Väter
zum Müßigang, der bekanntlich aller Laster Anfang ist. Außerdem will man dem
armen Christus nachfolgen. Deshalb muss ein am antiken Wertesystem
orientierter Mensch neben einem einfachen und bescheidenen Leben die
Handarbeit - als sichtbares Zeichen seiner Armut – pflegen. Nicht zuletzt
fordert das auch der Apostel Paulus in verschiedenen Briefen. In 1 Kor.
4, 10 – 16 führt er aus: Wir
(die Apostel) stehen als Toren da um Christi willen, ihr dagegen seid kluge
Leute in Christus. Wir sind schwach, ihr seid stark; ihr seid angesehen, wir
sind verachtet. Bis zur Stunde hungern und dürsten wir, gehen in Lumpen,
werden mit Fäusten geschlagen und sind heimatlos. Wir plagen uns ab und
arbeiten mit eigenen Händen; wir werden beschimpft und segnen; wir werden
verfolgt und halten stand; wir werden geschmäht und trösten. Wir
sind sozusagen der Abschaum der Welt geworden, verstoßen von allen bis heute.
Nicht um euch
bloßzustellen, schreibe ich das, sondern um euch als meine geliebten Kinder
zu ermahnen. Hättet ihr nämlich auch ungezählte Erzieher in
Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus bin ich durch das
Evangelium euer Vater geworden. Darum ermahne ich euch: Haltet
euch an mein Vorbild! In 1 Thess. 2,
9 sagt er: Ihr erinnert
euch, Brüder, wie wir uns gemüht und geplagt haben. Bei Tag und Nacht haben
wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen, und haben euch so das
Evangelium Gottes verkündet. Und in 2.
Thess. 3, 7 – 11 heißt es: Wir
haben bei euch kein unordentliches Leben geführt und bei niemand unser Brot umsonst
gegessen; wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir
gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht als hätten wir keinen Anspruch auf
Unterhalt; wir wollten euch aber ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen
könnt. Denn als wir bei euch waren,
haben wir euch die Regel eingeprägt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht
essen. Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen
und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im
Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr
selbst verdientes Brot zu essen. In diesem Sinne lesen wir auch in den Quellen von der Arbeit der Inkluse Wiborada, sie habe in ihrer Zeit als Einsiedlerin bei St. Georgen (oberhalb von St. Gallen) für die kostbaren Bücher von St. Gallen Buchhüllen genäht und bestickt.[38] Es wäre denkbar, dass sie derartige Tätigkeiten auch später gepflegt hat. Als Inkluse an St. Mangen lässt sie offenbar Arbeit, für die sie ihre Klause verlassen müsste, von einer Dienerin erledigen. Denn die Vita erzählt, dass ihr im Traum eine ehemalige Dienerin erscheint, um ihr mitzuteilen, dass die Messutensilien (Kelch, Patene und Leinentüchlein für die Hostien) von ihrer augenblicklichen Dienerin nicht sachgerecht gereinigt würden, da diese, anderweitig beschäftigt, diese einer anderen übertragen hatte. Über Liutbirg
heißt es in ihrer Vita (Kap. 22): „Sie
unterhielt in ihrer Zelle ein kleines
Holzkohlenfeuer zur Zubereitung verschiedener Farben (wohl zum Färben von
Wolle), da sie ja, wie früher erwähnt,
vieler weiblicher Kunstfertigkeiten kundig war. (im Kapitel 6 heißt es
dazu: Sie war von so vielseitigen
Fähigkeiten, dass sie in den Werken der verschiedenen Künste, die den Frauen
zukommen, in der Gegend ihres Aufenthalts vor allen anderen ringsum Wohnenden
geradezu als eine Künstlerin gepriesen wurde.) So war sie – heißt es dann
in Kapitel 22 weiter und damit nennt der Autor die gleichen Prinzipien wie
Aelred – nie ohne irgendeine nützliche
Beschäftigung, sondern verband durch die Arbeit ihrer Hände oder durch Gebet
und fromme Betrachtung den Tag mit der Nacht, und wenn noch irgend etwas Zeit
blieb für solche Emsigkeit, so unterwies sie die jungen Mädchen, die sich bei
ihr einfanden. Dabei wird es sich nicht zuletzt um geistliche
Unterweisung gehandelt haben, heißt es doch im Kapitel 5: Neben der Erfüllung ihrer vielfältigen
Aufgaben am Grafenhof pflegte sie unermüdlich das Lob Gottes in Psalmen und
Lobgesängen und geistlichen Liedern …“In
den heiligen Schriften übte sie sich unablässig, und indem sie sich täglich
in sie versenkte, bildete sie sich immer ein wenig weiter, um zu tieferer Erkenntnis zu gelangen. Und wäre
sie nicht durch die Schwachheit ihres
Geschlechts gehindert worden, so hätte sie wohl eine Lehrmeisterin werden
können.“ Auch
Jutta von Sponheim 1106 erzog bei ihrer Klause innerhalb des
Benediktinerklosters Disibodenberg junge Mädchen. Ihr wurde ca. 1112 die
achtjährige Hildegard von Bermersheim (= von Bingen) gemeinsam mit zwei
weiteren Gefährtinnen übergeben, damit die Meisterin sie für das geistliche
Leben erziehe. Gemeinsam mit ihren Gefährtinnen wurde sie im Psalmengesang unterrichtet
(Auswendiglernen über das Gehör!).Wenn in den Quellen von „Erziehung“ durch
Inklusen die Rede ist, geht es wohl nicht zuletzt um religiöse Erziehung, die
natürlich auf ein Leben im Kloster vorbereitet, dieses aber nicht zwingend
zur Folge hat. Die meisten Schülerinnen gingen später wieder in die Welt und
heirateten. Auch Liutbirg widmet sich,
wie wir in den ersten Kapiteln ihrer Vita erfahren, nach ihrer Zeit als
Klosterschülerin am Hof ihrer gräflichen Gönnerin[39] viele
Jahre weltlichen Aufgaben, bevor sie sich als Inkluse aus der Welt
zurückzieht. In ihrer Zeit in der Welt strukturiert sie ihren Tagesablauf
jedoch schon ganz strikt nach der Maßgabe der Benediktregel „ora et
labora“! Eine wichtige Aufgabe – vor allem im Spätmittelalter oft belegt – ist die Lebensberatung und Seelsorge: „Für den Einsiedler ziemt es sich um der Caritas willen[40] die Ankommenden mit der Speise des geistlichen Wortes zu bessern und zu stärken, damit sie in aller Demut umgestaltet wurden.“[41] Ein frühes Beispiel für den seelsorgerischen Einfluss finden wir bei Hermann Judäus im „Büchlein seiner Bekehrung“.[42] Hermann war Jude. Unter dem Einfluss von Rupert von Deutz und Bischof Egbert von Münster ließ er sich um 1131 im Dom in Köln taufen, wurde Prämonstratenser in Cappenberg und dann Propst in Scheda. Hermann war zunächst in tiefen Zweifeln, ob er mit seiner Bekehrung den richtigen Weg eingeschlagen habe. Da erinnerte er sich an die beiden Schwestern Berta und Geizmut, die in einer Klause am Kölner Mauritiuskloster lebten. Ihr guter Zuspruch (und ihr Gebet) konnten ihn schließlich von seinen Zweifeln befreien. Ein anderes Beispiel für ein derartiges seelsorgerisches Verhalten gibt die Vita II der Wiborada: Eine Frau hatte in einer ehebrecherischen Beziehung ein Kind empfangen und nach der Geburt ertränkt. Sie wurde zur Strafe ausgepeitscht und musste bis zum Jahresende barfuss und mit geschorenem Haupt an allen Feiertagen in der St. Mangen-Kirche stehen, damit die Gläubigen mit ihr und für sie Reue empfänden. Sie litt aber so sehr unter ihrer Tat, dass sie auch nach Ablauf der Frist weiter in der beschriebenen Form büßte. Eines Tages rief Wiborada sie zu sich und sprach ihr Mut zu; das Neugeborene Knäblein sei – wiewohl ungetauft – durch ihre Buße gewiss inzwischen ins Paradies eingegangen. Durch gutes Zureden befreite sie die Sünderin von ihren Gewissensqualen. Diese bemühte sich seitdem voller Dankbarkeit, Gott in Frömmigkeit zu dienen. Von Wilbirgis
heißt es (67): „Die Jungfrau war auch
eine gute Trösterin in Schmerzen. Denn niemals ist jemand ohne mildernde
Erleichterung von ihr gegangen, der in irgendeiner bedrückenden körperlichen
oder seelischen Not, mit Schmerz oder Mühe zu ihr gekommen war, um getröstet
zu werden. Mehrere in Sünden verhaftete Leute, Männer wie Frauen, die ihre
Hilfe brauchten, befreite sie durch ihren Rat und ihre Gebete auch von sehr
fest verwurzelten schlechten Angewohnheiten. Wilbirgis erreichte für sie
nicht nur die Befreiung von der Gewohnheit der Sünde, sondern auch die große
Gnade der heilsamen Reue. Offenbar ging man aber auch mit Gebetsanliegen zu Inklusen. So berichtet Caesarius in DM XII, 27: „Zur Schwester Bertrada, der Inkluse von
Volmarstein, kam, wie Abt Daniel von Schönau aus deren eigenem Mund gehört
und uns selbst erzählt hat, ein Ritter und bat um ihr Gebet für die Seele
seiner verstorbenen Frau. Als nun die
Schwester für sie betete, erschien ihr die Frau und klagte sehr über
die Strafen, die sie im Jenseits leiden müsse. Die Inkluse erkundigte sich
verwundert nach der Ursache dieser Strafen, denn man hatte die Verstorbene
stets für eine ehrbare und brave Frau gehalten. Darauf erzählte ihr die Frau,
dass sie die Kunst der Magie betrieben habe. Sie fürchtete nämlich, ihr Mann
könnte zu anderen Frauen gehen, wenn er sie ungern sehe, und sie würde die
Schuld tragen, wenn er zum Ehebrecher werde. Darum habe sie versucht, ihm
durch verschiedene Künste, die sie gelernt hatte, Liebe einzuflößen. Da dies
aber aus guter Absicht und nicht aus Wollust geschah, könne ihr noch geholfen werden. – Als die Inkluse
dies dem Ritter berichtete, fühlte der tiefes Mitleid und suchte durch
Gebete, fasten und Almosen die Pein seiner Frau abzukürzen. Außerdem empfahl
er, wo er nur konnte, ihre Seele dem Gebet der Gläubigen.[43] Auch Wilbirgis
betet viel und sehr erfolgreich in den verschiedensten Anliegen; sie soll mit
ihren Gebeten nicht nur Kranke geheilt[44], sondern „mit der milden Hilfe Gottes Unwetter in
Schönwetter gewandelt haben.“ (82) Außerdem brachte Wilbirg für das Heil und die Befreiung der Seelen
Verstorbener Gott sehr viele Gebete dar. Viele Inklusen verfügten zudem über seherische Fähigkeiten. War einmal jemand wegen dieser Fähigkeiten bekannt geworden, so wurde er auch von vielen Menschen jeden Standes um Rat gefragt. Folgt man Caesarius, so interessierten sich die Fragesteller vielfach für die Situation eines verstorbenen Freundes oder Verwandten. Wilbirgis sieht (mit Gottes Hilfe!) sogar ungefragt und über große Entfernungen, welches Schicksal Sterbende nach ihrem Ableben ereilt. So sieht sie, wie die Teufel die Seele einer Witwe in die Hölle führen, die längere Zeit in einem ehebrecherischen Verhältnis lebte (86), während Engel unter dem Schutz der hl. Jungfrau Maria eine andere Frau vor dem Zugriff der Teufel retten können, weil diese rechtzeitig ihre Sünden bereute. Sie muß allerdings noch zur Läuterung ins Fegefeuer (87). Walchunus, ein Mönch aus St. Florian, der bis ins hohe Alter bescheiden und gradlinig auf dem Weg der Gebote Gottes ging … weder in den Himmel noch ins Fegefeuer gebracht wurde, sondern alleine durch das Hinauszögern des Anblicks Gottes von seinen Sünden geläutert wurde. Bei der Lektüre all dieser Geschichten (Viten) fällt auf, dass – ähnlich wie in unseren daily soaps – der psychodramatische Plot immer der gleiche bleibt. Wenn Einwik diese Anekdoten entlang der ihm bekannten Viten nicht überhaupt frei erfunden hat, dann war es doch wahrscheinlich so, dass Wilbirgis die Lebensgeschichten der o.g. Personen kannte und dann ihr Urteil fällte. In jedem Fall verfolgt Einwik mindestens drei Ziele: - er will zeigen, wie sehr Wilbirgis von Gott begnadet ist, d.h. wie erfolgreich ihre Askese war; womit sie natürlich allen Lesern als leuchtendes Beispiel vor Augen geführt wird; - mit der Anekdote von der Ehebrecherin möchte er sicherlich die kirchlichen Ehe- und Keuschheitsvorstellungen unterstreichen: eine Witwe sollte – wenn eben möglich – nicht mehr heiraten, sondern den Rest ihres Lebens jungfräulich leben, aber auf keinen Fall das Konkubinat wählen (!); - eine weitere Erzählabsicht besteht m.E. darin, das aktuelle Jenseitsmodell zu bestätigen. Inklusen griffen möglicherweise auch in die aktuelle Politik ein. So ruft die Inkluse Wiborada Herzog Burchard von Schwaben, der seinen Gefolgsleuten Kirchengut zu Lehen gegeben hatte, zu sich, tadelte ihn mit harten Worten und drohte ihm baldigem Tod, wenn er die Güter nicht umgehend dem hl. Gallus zurückerstatte. Burchard verspricht zwar die Rückerstattung, löst sein Versprechen dann aber nur halbherzig ein und fällt dann in Mailand – wen wundert’s? – einem Mordanschlag zum Opfer. Dies ist – wie Eva Irblich in ihrer Untersuchung über die Vitae Sanctae Wiboradae feststellt[45] - in dieser Form fiktiv. Entfremdung von Kirchengut zur Sicherung der eigenen Machtbasis ist ein bekannter Vorgang. Die Hagiographen fällen aber ihr Urteil als Nachfolger und Parteigänger der Geschädigten. Derartige Geschichten verfolgten also den Zweck, Verfehlungen der weltlichen Großen gegen die Kirche durch den Mund der Heiligen nachdrücklich zu brandmarken. Ich denke aber, sie waren nicht nur Fiktion, sondern hatten zumindest auch insofern einen wahren Kern, als die ein oder andere Inkluse manchem Mächtigen ins Gewissen geredet hat. Aber auch in ganz praktischen Dingen ist der Rat von Inklusen gefragt und außerordentlich hilfreich. Angesichts der drohenden Invasion der Ungarn rät die Inkluse Wiborada dem Abt von St. Gallen nicht nur die ihm anvertrauten Seelen zu retten, sondern auch den goldenen und silbernen Kirchenschatz und die wertvollen Bücher zu evakuieren. Was das bedeutet, lässt sich besser einschätzen, wenn man diesen Rat mit der Klage des Verfassers der Legende des hl. Gangolf [46] vergleicht, der darüber klagt, dass in diesen schrecklichen Zeiten, wo Klöster und Kirchen geplündert und verwüstet, jeder nur daran dachte, wie er bei nahender Gefahr sein eigenes Leben retten könnte, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Bücher retten könnte. (Die „Bücher“: Messbücher, Bibeln, Psalterien etc. waren das Lebenselixier eines jeden Klosters; waren sie einmal verloren, so dauerte es lange bis ein Kloster wieder voll funktionsfähig war; mussten doch alle Bücher in mühevoller Handarbeit geschrieben, illuminiert und gebunden werden.) Inklusen erfüllten vielfach aber auch eine soziale Funktion gegenüber den Armen. Sie lebten von den Erträgen ihres Gartens, von den Einkünften. Die sie aus ihren Arbeiten erzielten, vor allem aber von Spenden ihrer Verehrer, die sich durch eine reichliche Gabe natürlich auch Verdienste für ihr eigenes Seelenheil erwerben wollten. Da sich die Inklusen in der Regel sehr maßvoll ernährten und viel fasteten, hatten sie oft einen mehr oder minder großen Überschuss, den sie ihrerseits an die Ärmsten der Armen weiterreichten: So versorgt Wiborada einen Bettler auf zwei Krücken, der sich pünktlich zur neunten Stunde vor ihrem Fenster einfindet und dort geduldig auf ihr Almosen wartet. Und Sisu, die bei Traubnitz in einer Zelle eingeschlossen lebte, fristete ihr Dasein in Hunger und Siechtum (sie litt an scheußlichen Geschwüren). Die Almosen, die man ihr brachte, gab sie freudig an Arme weiter.[47] * Für
die Tatsache, dass sich im späten
Mittelalter in den Städten und vielen Kirchdörfern vor allem Frauen einschließen lassen, werden
viele Gründe angeführt, von denen mich die materialistischen am wenigsten zu
überzeugen. So
konstruiert z.B. K. Büchner (1882), möglicherweise inspiriert durch die
Verhältnisse in deutschen Industriestädten des ausgehenden 19. Jh.,
eine „Frauenfrage“ und meint, bedingt durch die Verarmung, mangelnde
Arbeitsmöglichkeiten und einen Mangel an heiratsfähigen Männern (letzteres
erklärt er mit hoher Männersterblichkeit und dem Zölibat) seien die Frauen
gezwungen gewesen sich verstärkt religiösen Gemeinschaften anzuschließen;
dabei denkt er neben den Beginen
auch an die Inklusen. Basedow
(1895) sieht Männermangel (auf Grund
der hohen Verluste durch die Kreuzzüge und der vielen Fehden im Reichsgebiet)
als Hauptgrund für die große Zahl der Inklusen. „Vielen
alleinstehenden Frauen, die der Not, den Sorgen und mancherlei
Versuchungen ausgesetzt waren,
fehlte eine feste Stütze. Wo sollten sie Hilfe finden? Hier (als Nonne oder Inkluse) konnten sie sich der
Verehrung des himmlischen Bräutigams hingeben, der ihnen den irdischen Bräutigam
ersetzte.“ Diese Vorstellung scheint
mir allzu sehr durch das Frauen-/ Männerbild des 19. Jh. geprägt zu sein
(schwache Frau braucht starken Beschützer, um zu überleben – und zwar am
besten in der Ehe). Wie sehr hier der eigene kulturelle Kontext den Autor
blendet, zeigen gerade die beiden schon verschiedentlich zitierten Beispiele:
Mit Wiborada und Liutbirg begegnen uns – um es modern zu sagen – zwei
ausgesprochen starke Frauen, die in entscheidenden Phasen ihres Lebens sehr
gut ohne männliche Unterstützung ihre „Frau standen“. Die Reduktion des
„himmlischen Bräutigams“ auf einen
Ersatzbräutigam (wegen Männermangels) zeigt zudem, dass Basedow den
religiösen Hintergrund des Inklusentums nicht sieht oder nicht für glaubhaft
hält. Das wachsende Interesse religiöser Frauen an
einem Leben als Inkluse wird auch gerne damit begründet, dass sich die
Reformorden (Prämonstratenser und Zisterzienser) von dem Andrang der Frauen
bedroht gefühlt und sich in der Folge mehr und mehr gegenüber Frauen
abgeschottet hätten. Die neurotischen Ängste der Zölibatäre vor Frauen sind
zwar unstrittig; ich glaube aber nicht, dass dadurch Frauen in Inklusorien
abgedrängt wurden. Dagegen sprechen schon die Zahlen. Denn das hätte
zwangsläufig zu einer inflationären Neugründung von Klausen geführt, was sich nirgendwo in
den Quellen widerspiegelt. Außerdem ist daran zu erinnern, dass die Zisterzienser in der Praxis ihre Zurückhaltung
gegenüber Frauen nicht konsequent durchhalten. Darüberhinaus bieten die neue
Bewegung der Beginen und die zweiten und dritten Orden der Mendikanten,
Frauen, die in der Nachfolge Christi religiös leben wollen, sehr bald neue
Möglichkeiten, ihren Lebenstraum zu erfüllen. Nicht
zuletzt zeigen die Quellen, dass die Inklusen von Anfang an ganz bewusst
(also nicht als Ersatzlösung!) ein strengeres religiöses Leben jenseits der
(Frauen)klöster anstrebten. Das hat m.E. zunächst einen ganz einfachen
Grund: Sofern über Inklusen Lebensbeschreibungen vorliegen, scheinen die Frauen vielfach aus einem religiösen Elternhaus zu kommen; sie sind fasziniert von einem tiefreligiösen Leben. Nun ist es ein bekannter Topos, dass sich der Heilige schon in seiner Jugend als heiligmäßig erweist. Meines Erachtens ist es aber nicht nur ein rhetorisches Mittel, wenn die Viten davon reden, dass Heilige wie Wiborada oder Liutbirg schon früh mit allem jugendlichen Enthusiasmus ein gottwohlgefälliges Leben führen wollen und dabei in pubertärer Radikalität ihre Umgebung schockieren, indem sie die gängigen gesellschaftlichen Spielregeln verletzen. Man stelle sich vor, eine adelige Familie reitet an einem hohen kirchlichen Fest in festtäglichen Gewändern zur Kirche. Da zügelt die Tochter (hier Wiborada) plötzlich ihr Pferd, springt ab, entledigt sich ihres Schmucks und geht zu Fuß zur Kirche, weil sie nur diese demütige Bescheidenheit für angemessen gegenüber Gott hält. Wiboradas tiefe Religiosität belegt der Hagiograph auch damit, dass sie täglich bei Wind und Wetter, meist barfuss, zur Kirche eilte, um dort zu beten und zu meditieren, obwohl diese Kirche ca. 1,5 km von ihrem Elternhaus entfernt lag. Nach einer Pilgerreise, die sie zusammen mit ihrem Bruder nach Rom unternahm, lebte sie noch sechs Jahre auf dem elterlichen Hof. In dieser Zeit intensiviert sie ihre asketischen Übungen. Sie verlässt jetzt nachts heimlich das Haus und verbringt die Nächte im Gebet; sie schläft nicht mehr in ihrem Bett, sondern ruht nur kurze Zeit auf einem härenen Tuch, das sie auf der Erde ausbreitet. Außerdem beginnt sie zu fasten. Sie verzichtet vor allem auf Fleisch und Wein und ernährt sich ausschließlich von Gemüse. Die ihr zugedachten reichhaltigen Mahlzeiten verteilt sie an die Armen. All dies geschieht in aller Heimlichkeit, denn es gehört zur Qualität der Askese, davon möglichst wenig Aufhebens zu machen. Entsprechend der Ermahnung des Apostels Paulus wagte sie es nicht, ihr Brot müßig zu essen.[48] Damit erfüllt sie natürlich auch das zentrale Gebot der Benediktregel. In dieser Kombination von Gebet und Arbeit erfüllt sie aber auch ein christliches Weiblichkeitsideal: Wiborada lauscht nicht nur den Worten Jesu wie Maria, sondern sorgt sich auch um das leibliche Wohl ihrer Lieben wie Marta (die Schwestern des Lazarus).[49] Sie führt ihrem Bruder, dem Priester Hitto, der später auf ihren Rat hin Mönch in St. Gallen wird, viele Jahre den Haushalt. Nach dem Tod ihres Vaters kümmert sie sich um die gramgebeugte Mutter. Sie pflegt aber auch fremde Kranke, die ihr Bruder ins Haus holt. Sie macht Feuer, bereitet ihnen ein Bad, das Essen und ein Nachtlager – alles Werke der Nächstenliebe.[50] Mit derlei recht abstrakt und unpersönlich gehaltenen Schilderungen wollte der Hagiograph natürlich dem Leser Vorbilder erschaffen, an denen er sich erbauen und orientieren konnte. Meines Erachtens verleiten solche Vorbilder besonders sensible Menschen aber auch zur Nachahmung und somit wird dann die Fiktion in einem individuellen Leben Wirklichkeit. Daher glaube ich, dass sich viele der Menschen, die sich schließlich für die höchste Form der Askese entscheiden, in der soeben beschriebenen Weise schon früh um ein gottwohlgefälliges Leben bemüht haben, um dieses dann immer mehr zu steigern. Die Gründe, warum Menschen diese höchste Form der Askese wählen, lassen sich im einzelnen noch ausdifferenzieren: Vor allem ist es – nach dem Verständnis der Zeit - ein Anruf Gottes, der den Menschen bewegt, diese extreme Lebensform zu wählen. Dies illustriert sehr schön, was Gregor von Tours (538/39 – 594) von einer jungen Nonne aus dem Kloster Ste-Marie-hors-les-Murs / Poitiers (später Ste-Croix) der hl. Radegunde erzählt. [51] „In jenem Kloster hatte eine Jungfrau ein Gesicht und erzählte es ihren Schwestern. Es war ihr, sagte sie, als ob sie eine Reise mache, und es verlangte sie, auf ihrem Wege zu einer lebendigen Quelle zu kommen. Sie kannte aber nicht den Weg dorthin. Da kam ihr ein Mann entgegen und sprach: ‚Wenn du zu der lebendigen Quelle kommen willst, so werde ich dir auf dem Weg vorangehen.’ Sie dankte ihm, er ging ihr voran und sie folgte ihm. So schritten sie dahin und kamen endlich zu einer großen Quelle, deren Wasser glänzte wie Gold, und der Rasen ringsum strahlte im Frühlingslicht, gleich Edelsteinen aller Art. Da sagte der Mann zu ihr: ‚Siehe, das ist die heilige Quelle, die du so eifrig gesucht hast. Stille nun deinen Durst und sie wird dir eine Quelle lebendigen Wassers werden, das in das ewige Leben führt.’ Und während sie noch begierig trank, kam von der anderen Seite die Äbtissin, entkleidete das Mädchen und kleidete sie in ein königliches Gewand; das strahlte von solchem Glanz, von Gold und Geschmeide, dass man es kaum ertragen konnte. Die Äbtissin aber sprach: ‚Das schickt dir dein Bräutigam als Hochzeitsgewand.’ Durch diesen Traum wurde die Jungfrau im
innersten Herzen ergriffen und bat wenige Tage später die Äbtissin, sie
möchte ihr eine Zelle bereiten, wo sie fortan abgeschlossen leben könne.
Diese richtete sofort die Zelle her und sprach zu der Jungfrau: ‚Siehe, die
Zelle ist bereitet, was ist nun dein Wille?’
Die Jungfrau bat, man möge sie dort einschließen. Als ihr dies gewährt
war, versammelten sich die Schwestern unter Chorgesang mit brennenden Lampen,
die hl. Radegunde nahm sie selbst bei der Hand und führt sie bis zu jener
Zelle. Hier sagte sie allen Lebewohl, küsste jede einzeln und wurde dann
eingeschlossen. Der Zugang, durch den sie eintrat, wurde vermauert. In dieser
Zelle verbrachte sie nun ihre Tage im
Gebet und mit dem Lesen der Heiligen Schriften.“[52] Diese schlichte Erzählung mit den stilistischen Zügen eines Märchens bündelt anschaulich die Motive frommer Menschen, sich in einer Klause einschließen zu lassen. Sie begreifen das irdische Leben als eine stetige Suche nach dem Wasser des (ewigen) Lebens. Betrachtet man die Geschichte im Kontext der Historia Francorum, so hat sie zunächst sicherlich einen gewissen Unterhaltungswert. Sie greift die aus Mythen und Märchen bekannten Bilder der Reise und der schließlich erfolgreichen Suche nach dem Quell des Lebens auf, um schließlich im paradiesischen Bild der lebensvollen Frühlingslandschaft zu gipfeln. Zudem ist es eine junge Frau, die ganz allein unterwegs ist. Der märchenkundige Leser vermisst hier nur noch die Wildnis, die der Leser des 6. Jh. wahrscheinlich hinzugedacht hat. Ein Mann fungiert als Wegweiser, da denkt der christliche Leser natürlich gleich an Christus; und auch die gute Fee fehlt nicht: sie begegnet in der Gestalt der Äbtissin, die die junge Frau in mit Gold und Edelsteinen reich bestickte, königliche Gewänder hüllt, d.h. die junge Frau gewinnt den höchsten nur denkbaren gesellschaftlichen Status. Im Rückgriff auf diese dem mittelalterlichen Leser/Zuhörer vertrauten literarischen Elemente will Gregor von Tour seinen Zeitgenossen, für die Traum und Anderwelt nur andere Aspekte der realen Welt sind, die Großartigkeit der Lebensform darstellen, die die junge Frau sucht, zu der sie von Christus geführt wird und die sie dann voll Begeisterung wählt. Dabei begreift Gregor stellvertretend für die Inkluse die Klause als ‚locus amoenus’, wo die junge Nonne Zeit ihres irdischen Lebens ungestört aus der Quelle des Lebens (Gebet, Schriftlesung und Meditation) schöpfen kann. Im Traum spricht nach uralter Vorstellung Gott zum Menschen, weshalb auch die Äbtissin ‚sofort die Zelle herrichten lässt’. Bis hierhin versuchte ich den Text vor allem literarisch aus nicht christlicher Tradition zu verstehen. Vertiefend muss man aber auch die jüdisch-christliche Wassersymbolik berücksichtigen, die den Klerikern, Mönchen und Nonnen aus ihren täglichen Gebeten und Bibellesungen vertraut war: Als die Juden aus Ägypten flohen, hätten sie als Kollektiv in der Wüste nicht überlebt, wenn Moses nicht auf Befehl Jahwes das rettende Wasser für Mensch und Vieh aus dem Felsen am Horeb geschlagen hätte.[53] Darauf bezieht sich Paulus, wenn er den Korinthern in Erinnerung ruft: ‚Alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem lebenspendenden Felsen, der mit ihnen zog’, um die Aussage sofort in seinem Sinn zu deuten: ‚und dieser Fels war Christus’. [54] Ähnlich auch Johannes in der Geheimen Offenbarung: ‚Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron
wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens
strömt.’ [55] oder:
‚Der auf dem Thron saß, sprach:
... Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus
der das Wasser des Lebens strömt.’ [56] Und wenig später: ‚Er zeigte mir einen Strom, das Wasser des
Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und vom Lamm aus.’ Die Nonne, von der Gregor von Tours erzählt, ist auf der Suche nach dieser Quelle lebendigen Wassers in das Kloster der hl. Radegunde eingetreten, hat aber auch dort offenbar noch nicht den rechten Zugang zu dieser Quelle gefunden. Offenbar bildete die Gemeinschaft ihrer Mitschwestern oder aber auch Einflüsse von außen für sie ein größeres Störfeld. Aber ihre Sehnsucht ist seit ihrem Klostereintritt offenbar weiter gewachsen. Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser So lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. [57] In Gebet, Schriftlesung und Meditation ist sie aber offenbar so weit fortgeschritten, dass sie eines Tages in einer Vision jenem Mann begegnet, der nur als Christus verstanden werden kann, der sie bei der Hand nimmt und zu der Quelle hinführt. Damit erlebt sie sich in der Vision aber auch als besonders Begnadete. Denn – wie sagt Johannes der Täufer – ‚niemand kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Herrn gegeben ist.’[58] Die Nonne in unserer Geschichte scheint auserwählt, schon zu Lebzeiten für die Welt zu sterben, sich lebendig begraben zu lassen, um sich in der Abgeschiedenheit ihre Zelle in Gebet, Schriftlesung und Meditation immer tiefer in ihren Bräutigam – Christus – zu versenken. Die Zelle wandelt sich also vom irdischen Grab zum Brautgemach. Wichtig ist m.E. auch die Tatsache, dass Gregor die völlige Freiwilligkeit der Entscheidung betont. Nachdem alles für die Einschließung vorbereitet ist kann die junge Nonne noch zurück: ‚Siehe die Zelle ist bereitet, was ist nun dein Wille?’ fragt Radegunde und die Jungfrau bittet noch einmal darum, eingeschlossen zu werden. Erwähnenswert ist auch, dass diese Nonne die lateinische Sprache beherrscht und lesen kann, denn sonst könnte sie die heilige Schrift nicht lesen; denn zu dieser Zeit gab es noch keine Übersetzungen der Bibel in die Volkssprache. Für Ruotger (10.Jh.) liegt – wie wir oben sehen konnten - die Faszination dieser Lebensform in der besonderen Form der Gottesverehrung und in dem speziellen Kampf gegen den Teufel. Dieser Kampf manifestiert sich nicht nur im Kampf gegen Leidenschaften und Begierden (Kreuzigung der Leidenschaften und Begierden). Er wird dem Leser in den Viten und Legenden immer wieder ganz konkret vor Augen geführt. Der Teufel versucht mit allen Mitteln – vor allem des Nachts, wenn die Inklusen von der Last der Einsamkeit schwer niedergedrückt wurden - (um mit Goethe zu sprechen:) die Inklusen „von ihrem Urquell abzuziehen“. Die Teufel kommen als Lichtgestalten oder fallen als furchtbare Monster über die Inkluse her, wie es Matthias Grünewald auf der Tafel „Die Versuchung des hl. Antonius“ seines Isenheimer Altars sehr eindrucksvoll darstellt. Sie kommen als Schlangen, verbergen sich im Gewand der Inkluse oder fallen als Wespenschwarm über die Inkluse her (Wilbirg). Wiboradas Zelle wurde eines Tages von Mäusen nachgerade überflutet. Manche Unholde verbreiten auch einen pestilenzialischen Gestank. Alle diese Attacken können die Inklusen natürlich in verzweifeltem Gottvertrauen abwehren. So muss der Teufel am Ende immer wieder als „armer Teufel“ das Feld räumen. Diese Angst, vom Teufel verführt und Gott entfremdet zu werden und der Wunsch nach einer bräutlichen Vereinigung mit Christus, nach der „Umarmung Christi“ wie Aelred sagt, scheinen mir weitere wichtige Beweggründe dafür zu sein, als Inkluse leben zu wollen Eine Antwort aus der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts lautet: Unser erster Aufenthaltsort war das Paradies, dann aber wurden Adam und Eva (und alle ihre Nachkommen) von der Anschauung Gottes verbannt in eine Welt voller Plagen und wegen ihrer Sünde dem Tod preisgegeben. Am Ende seiner Tage aber kann der Mensch in den Himmel zu den Engeln gelangen. Um aber am Ende seines Lebens die volle Befreiung zu erlangen, muß sich der Mensch Zeit seines Lebens bemühen, Gott zu gefallen, sich ganz Gott zu weihen und ein heiligmäßiges Leben zu führen. Dies aber bedeutet: der Mensch muß auf die Freuden dieser Welt verzichten, streng fasten, Herz und Mund stets genau überwachen, jedem Geschwätz abschwören. Stattdessen soll er sich dem Gebet hingeben, mit tiefem Verlangen nach der Umarmung Christi seufzen, sich ihm zu Füßen werfen, Reue erwecken und um Vergebung der Sünden bitten.[59] Im 11. / 12. Jh. speist sich die Hinwendung zum Inklusentum sicherlich auch aus dem Leiden religiöser Menschen an der Veräußerlichung des religiösen Lebens. Man beruft sich auf den Apostel Paulus, der an die Galater schreibt (Kap. 5): „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder.
Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern … lasst
euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht
erfüllen. Die Werke des Fleisches sind
deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben,
Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn,
Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage
und Ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe:
Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht des Geistes
aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue,
Sanftmut und Selbstbeherrschung. Alle,
die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre
Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.“ Wer aber kann das Fleisch konsequenter und nachhaltiger kreuzigen als der, der das Leben eines Inklusen wählt? Diese radikale Entscheidung wurde sicherlich auch vom Charisma mancher (Wander-) Prediger stimuliert, die – nicht zuletzt bei Frauen - eine religiöse Begeisterung und Aufbruchstimmung weckten, die von den Benediktinerinnenklöster oder den Damenstiften nicht mehr bedient werden konnte. Diesen Vorbehalt gegenüber den traditionellen Konventen teilten offenbar auch die Stifter. Deren Interesse ging dahin, dass die Klosterfrauen für das Seelenheil der Stifterfamilien beteten. Und in dem Maße, wie die Frauen in vielen der oben genannten Gemeinschaften diese Aufgabe vernachlässigten, musste man Wege finden, diese für die Gesellschaft so wichtige Verbindung zu Gott wiederzubeleben. Diesem Ziel dienten die diversen Kloster-Reformen, die Gründung neuer Orden (Prämonstratenser etc.) aber auch die Gründung neuer Inklusorien. Die Nonne im Radegundiskloster folgte dem direkten Anruf Gottes in einem Traum. Aber auch die Begegnung mit einem vorbildlichen Asketen oder begeisternde Predigten mögen einzelne Frauen bewogen haben das Leben einer Inkluse zu wählen. Dafür sprechen m.E. die Überlegungen des anonymen Autors des Speculum Inclusorum[60] (England 14. Jh.), der vier Gründe nennt, ein Leben als Inkluse zu wählen: der erste Grund ist offenbar der, dass
viele Menschen, die eingeschlossen werden wollen, bisher in der Welt durchaus
erfolgreich waren, dann aber im Blick auf
ein Leben nach dem Tod erkannt haben, wie sinnlos ihre Anstrengungen
waren. Jetzt wollen sie dem Ruf Jesu folgen, der sagt: Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie
vernichten und wo Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch vielmehr Schätze
im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo keine Diebe
einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. …
Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen
hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den
anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Darum sage ich
euch: Seit nicht ängstlich besorgt für euer Leben, was ihr essen und was ihr
trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist denn das
Leben nicht mehr als die Nahrung und der Leib nicht mehr als die Kleidung?
Betrachtet die Vögel des Himmels! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie
sammeln nicht in Scheunen: Doch euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr
nicht mehr Wert als sie? Wer von euch vermag mit seinen Sorgen seine
Lebenszeit um nur eine Spanne zu verlängern? Und was seid ihr ängstlich
besorgt um Kleidung? Betrachtet die Lilien des Feldes! Wie sie wachsen! Sie
arbeiten nicht und spinnen nicht. Ich sage euch aber: Selbst Salomon in all
seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine einzige von ihnen. Wenn nun Gott
das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so
kleidet, wie viel mehr euch, ihr Kleingläubigen! Der zweite Grund liegt in dem festen Willen mit großem Eifer Schuld zu tilgen – zu allererst eigene, dann aber auch fremde; das veranschaulicht der Autor an einer Dirne namens Tayse (PL 73, 661) und an der Maria Ägyptiaca[61]. Maria von Ägypten ist eine hl. Einsiedlerin, die im 6. Jh. gelebt haben soll. Sie gilt als die größte Büßeringestalt der alten Kirche. Ihr Leben ist stark legendarisch ausgeschmückt. Als Dirne führte sie ein ausschweifendes Leben in Alexandrien. Beim Besuch der Grabeskirche zu Jerusalem wurde sie von unsichtbarer Hand am Betreten des Heiligtums gehindert. Vor einer Marienikone erfolgte dann ihre Bekehrung. Daraufhin war ihr der Zutritt zu den hl. Stätten in Jerusalem möglich. So beschloss sie, ein Einsiedlerleben zu führen. Sie zog sich in die Wüste östlich des Jordans zurück und büßte 47 Jahre lang so ihre Sünden. Gegen Ende ihres Lebens wurde sie vom Mönch Zosimus gefunden. Sie wurde von ihm unter Mithilfe eines Löwen begraben. Ihr Kult kam mit palästinensischen Flüchtlingen 614 nach Rom und Süditalien. Von ihr werden Reliquien in Rom, Kalabrien, Neapel, Tournai und Antwerpen verehrt. Sie ist Patronin der Büßerinnen und reumütigen Sünderinnen. Als dritten Grund führt der Anonymus an, dass man als Inkluse die Gelegenheiten zum Sündigen meiden kann, die sich einem in der Gemeinschaft bieten. Der Autor nennt als Vorbilder den ersten Eremiten Paulus und Hillarion. Paulus von Theben wurde nach der Vita Pauli primi eremitae des Hieronymus[62] (+ 420) im Jahr 228 als Sohn wohlhabender christlicher Eltern in Ägypten geboren. Nach dem Tod der Eltern und Erbstreitigkeiten mit seinem Bruder ging er, folgt man Hieronymus, während der Christenverfolgungen unter Decius (249/50) als erster christlicher Einsiedler und Asket (Anachoret) in die ägyptische Wüste. Dort lebte er jahrzehntelang alleine. Er ernährte sich vom Wasser einer Quelle, den Früchten einer Palme und von einem halben Brot, das ihm täglich ein Rabe brachte. Als er 113 Jahre alt war, wurde er, kurz vor seinem Tod, von dem damals 90-jährigen Antonius aufgesucht. Ihm war in einer Vision offenbart worden, dass in seiner Nachbarschaft noch ein anderer, älterer Einsiedler leben würde, der schon länger in der Wüste lebte als er. Nach dem Tod des Paulus blieb es Antonius überlassen, mit Hilfe zweier Löwen ein Grab für den heiligen Paulus zu auszuheben. Alle Kenntnis über Hilarion [von Gaza, Heiliger, Einsiedler, (291 – 371)] beruht auf der Biographie des Hieronymus. Hieronymus stellt die legendarische Verklärung der Wundertaten des Hilarion und dessen harte Askese in den Vordergrund seiner Lebensbeschreibung und sieht in ihm den Begründer des Einsiedler-Mönchtums in Palästina. Von seinen heidnischen Eltern wurde H. zum Studium nach Alexandria geschickt, wo er sich zum Christentum bekehrte und radikal allen Vergnügungen der Großstadt entsagte. Als er von dem Heiligen Antonius hörte, suchte er ihn in der Wüste auf und war einige Monate sein Schüler. Hilarion beschloss, ebenfalls Einsiedler in seiner Heimat zu werden. Mit einigen Gleichgesinnten zog er nach dem Vorbild der ägyptischen Mönche um 307 in die Wüste bei Majuma und führte dort ein Büßerleben in äußerster Askese. Mit den Wundern und Heilungen, die er vollbrachte, nahm auch die Zahl der Schüler, der Hilfesuchenden und der Besucher zu. Darum zog H. um 356, dem Todesjahr des Antonius, wieder in die ägyptische Wüste, und als er hier ebenfalls wegen seiner Wundertaten großen Zulauf erhielt, wich er zunächst in eine Oase in der westlichen Wüste aus, ging dann nach Sizilien und von dort mit seinem Schüler Hesychios nach Epidauros in Dalmatien (Ragusa). Schließlich fand er an einem unzugänglichen Platz in Zypern für seine letzten Lebensjahre Ruhe vor dem Zulauf des Volkes. Hesychios soll den Leichnam nach Gaza gebracht haben, wo man später noch das Grab des Hilarion zeigte. Als vierten Grund, sich einschließen zu lassen, nennt der englische Autor die feste Absicht, ein besonders frommes und vollkommenes Leben nach dem Vorbild der Maria Magdalena zu führen, die ja bekanntlich den besten Teil erwählt hatte. Maria Magdalena stand der Legende nach Jesus besonders nahe; vielen galt und gilt sie sogar als seine Geliebte. Jedenfalls begleitete sie ihn (im Gegensatz zu seinen Jüngern, die alle geflohen waren) in seinem Sterben; und Jesus erschien ihr auch als erster nach seiner Auferstehung und beauftragte sie, den Jüngern seine Auferstehung zu verkünden. Der Legende nach wurde Maria Magdalena mit ihren beiden Geschwistern Lazarus und Martha sowie mit Maximin, dem späteren Bischof von Aix, und mit Cedonius, der von Geburt blind war, aber von Jesus geheilt worden war, zusammen mit mehreren anderen Christen von christenfeindlichen Juden in einem Schiff ohne Steuer und Segel dem Meer überantwortet. Das Schiff erreichte aber dank göttlicher Fügung Marseille. Maria soll dann einige Jahre als Einsiedlerin in einer Höhle bei Baume - dem heutigen Saint-Maximin-la-Sainte-Baume (Dep. Var, ca. 50 km. nö von Marseille) - inmitten von wilden Tieren in völliger Einsamkeit gelebt haben. Deshalb stellte man sie im späten Mittelalter unbekleidet, aber mit einem wunderbarerweise gewachsenen Haarkleid dar.[63] Ihre Liebe zu Jesus, der die Inklusen nacheiferten (oder nacheifern sollten), und die Nähe zu Jesus, die die Inklusen anstrebten, sowie ihr vermeintliches Einsiedlerleben machten sie zu einem zentralen Vorbild für jede Inkluse. Die Absicht, großen eremitischen Vorbildern nachzueifern, eigene und fremde Sündenschuld zu sühnen und überhaupt alle Möglichkeiten zu sündigen, möglichst auszuschließen wird sicherlich noch verstärkt durch die spätestens seit dem 11. Jh. immer stärker geschürte Jenseitsangst. An Kirchenportalen, auf Kirchenwänden, an Friedhofsmauern und in Predigten wird Christus als strenger Weltenrichter beschworen, der die Sünder gnadenlos in die Hölle verstößt. In diesem Kontext wäre dann aber auch „Buße für schwere Schuld“ als Grund für ein Leben als Inkluse zu nennen. So berichtet Caesarius von Heisterbach in seinen Dialogi Miraculorum XI, 27[64] von einem Klausner namens Waldaverus an der Kirche St. Maximin in Köln, der urkundlich zwischen 1180-85 genannt wird und vor 1194 stirbt. Er ist angeblich der Stifter des Frauenklosters bei der Kirche, das wohl um 1186 gegründet wurde. Die Frauen dort lebten nach der Regel des hl. Augustinus. Der Priester Waldeverus lebte viele Jahre mit einer Frau im Konkubinat. Eines Tages aber bekehrte er sich, stiftete das Kloster St. Maximin, in das seine Geliebte als Nonne eintrat, während er selbst sich hier als Inkluse einschließen ließ. Der Grad seiner Einschließung entsprach wohl nicht ganz den oben genannten kirchlichen Vorschriften, denn er zelebrierte in St. Maximin täglich eine Messe, bei dem ihm seine Geliebte assistierte. Um ihre Buße zu verstärken. trugen beide einen eisernen Bußgürtel (s.o.). Das Motiv, dass schwere Gewissensqualen wegen schwerer Vergehen und Angst vor der ewigen Verdammnis zur Einschließung (als selbstgewählter Buße) führen, findet sich auch bei der Lütticher Bürgerstochter Osilia, der Witwe eines Metzer Bürgers. Sie lässt sich nach dem Tod ihres Liebhabers, eines Lütticher Canonicus, an der Kirche St. Sverini zu Lüttich einschließen (DM XI, 29) Diese Ängste formuliert auch der Einschließungsritus der Kirche von Soissons. Er beginnt mit einer Litanei, wahrscheinlich der Allerheiligenlitanei, die bis heute in der Kirche bei der Priesterweihe u.ä. gebetet wird. In ihr werden - die Nachstellungen des Teufels, der auch in der Klause stets versuchen wird, die Inkluse von ihrem Vorhaben abzubringen und - die Gefahren, das Gebot der Nächstenliebe zu missachten und den Lastern (Zorn, Hass, böser Wille, Falschheit) zu verfallen, sowie - die Angst vor dem ewigen Tod als die
zentralen Ängste thematisiert. Diese Ängste führen zu der sich in vielfachen
Variationen wiederholenden Bitte um Barmherzigkeit, Erlösung und Vergebung.
Der Beter weiß aber auch, dass er seine anspruchsvolle Absicht, sein Leben ab
sofort ganz auf Gott hin zu leben, nicht aus eigener Kraft verwirklichen
kann. Daher fleht er: „Wir bitten dich,
o Herr, komm unserem Handeln durch deine Eingebung zuvor und begleite es mit
deiner Hilfe, auf dass all unser Beten und Tun stets von dir seinen Anfang
nehme und das Begonnene durch dich seine Vollendung finde.“ Um die in der Litanei formulierten Probleme und Ängste kreisen auch die Gebete der folgenden Totenmesse; hier ist jedoch nicht der Tod des Körpers das Problem, sondern der mögliche ewige Tod der Seele. Das tödliche Gift der Seele aber ist die Sünde. Um aber ewiges Leben zu erlangen, muß man die Stimme des Sohnes hören. Hört man sie und richtet sich nicht danach, so ist man gerichtet. Und so fleht der Beter, der von der Last seiner Sünden fast erdrückt wird, um Barmherzigkeit und Nachlass seiner Sündenstrafen. Der moderne, ganz auf das Diesseits konzentrierte Mensch, dem Erfolg, Jugend, Wellness und Lebensgenuss als höchste Güter erscheinen, ist natürlich entsetzt, wenn er hört, dass hier jemand quasi lebendig begraben wird. Ich glaube aber, dass dies nicht die Gefühle des mittelalterlichen Menschen trifft. Denn für den gläubigen Christen des Mittelalters ist der Tod nur das Tor zu einem (ewigen) Leben: entweder einem Leben ewiger Verdammnis oder einem Leben ewiger Glückseligkeit. Die Einschließung reduziert den Inklusen für den Rest seines diesseitigen Lebens auf einen schmalen Warteraum vor dieser Tür, der dem Inklusen, wenn er ihn richtig ausfüllt, ewige Ruhe vor den Anfechtungen des Teufels, ewiges Leben und ewige Anschauung Gottes mit all seinen Engeln und Heiligen beschert. Etwas Besseres kann einem Menschen in dieser Welt voller Anfechtungen doch nicht widerfahren. So nehmen die Inklusen die Einschließung auch mit Freude und großen Gottvertrauen auf sich, was sich ganz klar in den Psalmen 23 und 27 ausdrückt, die im Einschließungsritus gebetet werden: Der Herr ist mein Hirte, nichts kann mir fehlen, er lässt mich weiden auf grüner Au. Er führt mich zur Ruh an lebendigen Wassern, gewährt meiner Seele Erquickung … (Psalm 23) Und der Psalm 27 bestätigt diese Hoffnung noch einmal: Der Herr ist mein Licht und mein Heil! Vor
wem soll ich mich fürchten. Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte
mir grauen … Nur eins erbitte ich vom Herrn, dass ich in seinem Hause wohnen
und ihn schauen darf mein Leben lang
…Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf. Die tiefe Sehnsucht nach der Nähe Gottes, die den Menschen umtreibt, das Leben der Einschließung zu wählen, beschwört dann noch einmal Psalm 84: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr der Heerscharen,
meine Seele verzehrt sich nach den Höfen des Herrn. Meine Seele und mein Leib
freuen sich im lebendigen Gott. Der Sperling findet ein Dach und die Schwalbe
ein Nest, ihre Jungen darin zu bergen. Meine Heimat sind deine Altäre, Herr
der Heerscharen. Selig sind, die in deinem Hause wohnen dürfen. Selig die
Menschen, denen von dir Hilfe kommt und die mit ganzem Herzen dir nachfolgen.
Ziehen sie durch ein Wüstental, so machst du es ihnen zum Quellenland und
Regen der Frühe hüllt es in Segen. Sie schreiten von Kraft zu Kraft und
schauen in Sion den höchsten Gott. Ein weiterer Grund, sich einschließen zu lassen, kann darin bestehen, sich einer ungewollten Ehe zu entziehen. Caesarius berichtet in DM IV 39 von einer Tochter reicher Eltern, die als sie verheiratet werden sollte, sich weigerte und darauf beharrte, sie wolle allein ihren himmlischen Bräutigam ehelichen – pubertärer religiöser Überschwang oder Angst vor einer Zwangsehe mit einem ungeliebten Mann? Heute schwer zu entscheiden. Die Eltern geben schließlich ihren Widerstand auf und errichten der Tochter eine Klause. Der Bischof scheint von der Echtheit des religiösen Gefühls überzeugt, denn er vollzieht ohne Prüfungszeit umgehend die Zeremonie der Einschließung. Die Fortgang
der Geschichte zeigt aber auch, wie sehr vor allem junge Inklusen – zumindest
am Anfang ihres Lebens in der Klause – überfordert waren: „Einige Tage diente sie Gott andächtig und
ergeben in ihrer Abgeschiedenheit. Der Teufel aber, erbost über ihre
Frömmigkeit, ängstigte und quälte sie durch allerlei Versuchungen, und indem
er das unschuldige Herz der Jungfrau durch Schwermut vergiftete, machte er
aus der Gesunden eine Kranke. Bald fing sie an, sich allerlei Gedanken
hinzugeben, im Glauben schwankend zu werden und an ihrer Ausdauer zu
verzweifeln. Es befiel sie Mutlosigkeit, die Körperkräfte ließen nach, die
Inbrunst im Gebet erlosch und sie empfand tiefen Schmerz über ihre Einschließung.
Während die Jungfrau von so gefährlichen Zweifeln gefoltert wurde, besuchte
sie der Abt des Zisterzienserklosters Brombach[65]
in dessen Obhut sie vom Bischof empfohlen worden war, und erkundigte sich,
wie sie lebe und wie sie sich befinde.“ Elend lebe ich, erwiderte sie; elend
befinde ich mich und weiß überhaupt nicht, warum und für wen ich hier
eingeschlossen bin.“ Als ihr der Abt
antwortete: „Für Gott und das himmlische Reich“, fuhr sie auf: „Wer weiß, ob es einen Gott
gibt, ob Engel, ob Seelen, ob ein himmlisches Reich? (Ein an Gott
zweifelnder Inkluse begegnet auch in IX 22) Wer hat sie gesehen, wer ist von drüben zurückgekommen, um uns zu
sagen, dass er sie gesehen habe?“ Als
der Abt dies und ähnliche Reden hörte, erschrak er gewaltig und sprach zu der
Jungfrau: „Was redest du da, Schwester,? Bekreuzige dich!“ „Ich rede, wie es
mir vorkommt; wenn ich jene Dinge nicht sehe, glaube ich nicht daran. Ich
bitte euch, lasst mich frei, denn ich kann die Qual nicht länger aushalten.“
Der Abt wertet dies alles als Versuchung des Teufels, redet ihr ins Gewissen
und verlangt von ihr, sich noch einmal eine Woche zu prüfen. Während dieser
Zeit beten er und der gesamt Konvent inständig für die Inkluse, was natürlich
seine Wirkung nicht verfehlt. Caesarius berichtet weiter: Nach Ablauf der Woche besuchte der Abt die
Inkluse wieder und fragte: „Tochter, wie geht es dir?“ „Ganz vorzüglich,
Vater; ich habe mich nie besser gefühlt. Innerhalb dieser sieben Tage bin ich
weit mehr beglückt und getröstet worden, als ich vorher traurig und
verzweifelt war.“ Auf die Frage, wie dies gekommen sei, gab sie zur Antwort:
„Vater, mit meinen Augen habe ich das gesehen, was ich bezweifelte. Sobald du
von mir gegangen warst, wurde meine Seele aus dem Körper entrückt, und ich
erblickte die heiligen Engel, erblickte die Seligen und die Belohnung der
Gerechten. Ich sah aber auch mit den Augen der Seele, wie mein Leib blutlos
und bleich, gleich verdorrtem Gras hier unten auf dem Boden lag.“ Der Abt
wollte wissen, wie die Seele ausgesehen habe. Sie darauf: „Die Seele ist eine
geistige Substanz, sphärisch von Natur, ähnlich der Mondscheibe und sieht
nach allen Seiten hin. Erscheint der Seele, die im Körper weilt, ein Engel
oder ein Geist, so zeigen sich diese in körperlichen Umrissen; jedoch befreit
vom Fleisch, ist die Seele gleich anderen Seelen.“ Bei Wilbirgis war eine versuchte Vergewaltigung möglicherweise ein Anstoß, sich einschließen zu lassen: Im Kapitel 51 der Vita erzählt Einwik, dass sie vor ihrer Einschließung lange Zeit von einem ehrenwerten Mann namens Alram bedrängt wurde, seine Geliebte zu werden. Eines Tages lauerte ihr dieser in der Kirche auf, um sie zu verführen. Als sie floh, bedrohte er sie mit einem Messer, wobei er sich jedoch im Bereich seiner Geschlechtsteile verletzte. Die Wunde vereiterte, da er sie niemandem, der sie hätte heilen können, zeigen wollte. So ertrug er dabei langes Leiden und viele Schmerzen. Eine Geschichte von hohem Unterhaltungswert für Mönche, zumal sie erneut beweist, dass Gott die Standhaftigkeit der Tugendsamen belohnt, indem er den Mann am Ursprung seiner Sünde straft. Es mag aber auch vorgekommen sein, dass junge Menschen ein Leben als Inkluse auf sich nehmen mussten, weil der Familienrat der jungen Frau die Rolle der immerwährenden Beterin für das Seelenheil der Familie zugedacht hatte; das Gebet von klausurierten Jungfrauen galt im Mittelalter als erfolgversprechender als das Gebet von Mönchen oder Priestern. Die Inkluse Wilbirgis wird von ihrem Biographen als Musterbeispiel einer solchen Beterin vorgestellt: „Ihr Gebet und ihre Heilsarbeit aber war
also: Eine bestimmte Schlafstelle hatte sie nicht, sondern gerade dort, wo
sie der Schlaf in ihren Betrachtungen und Gebeten überwältigte, da lehnte sie
ihr Haupt zurück. In jeder Nacht, und war sie noch so kurz, beschwor sie
dreimal die göttliche Milde für ihre eigenen und der übrigen Menschen Nöte.
Das erste Mal vor Beginn der Matutin. Sie erhob sich dann von dem Ort, wo sie
gerade ruhte, und warf sich dann ganz auf die Erde und flehte aus dem
innersten Herzensgrunde Gott um Barmherzigkeit an für alle, die in den
Todesschlaf der schweren Sünde versunken waren, damit sie Gott erwecke, und
dass die Erweckten in ihren Lobpreisungen unermüdlich die Ankunft des Herrn
erwarteten. Dann betete sie für die Verstorbenen, deren sie immer eigens
gedachte. Hierauf ruhte sie wieder ein wenig,
wenn sie wollte und konnte. Fürs zweite verbrachte sie die Stunde
der Matutin gemäß der ihr von Gott
verliehenen Gnade, da betete sie vor allem für den Ort und die klösterliche
Gemeinde, bei der sie verweilte, und für ihre Freunde, die sie eigens in ihr
Gebet einschloss. Nach der Matutin bat sie um Frieden und Eintracht in der
Kirche, und besonders für den Fürsten[66]
und das Land, in dem sie lebte, dass Gott die Früchte der Erde gebe und
erhalte, und dass zum Lobe und Ruhme Gottes die Völker in der Ruhe des
Friedens die Erntefrüchte genießen möchten. Abschließend muß aber auch gesagt werden, dass manche Mädchen sich aber auch einschließen lassen mussten, weil ihre Eltern wegen scheinbarer Unfruchtbarkeit oder einer problematischen Schwangerschaft das Kind – sollte es den geboren werden - Gott oder der heiligen Jungfrau versprochen hatten. In der oben zitierten Erzählung des Caesarius hat Gott, bewegt durch das intensive Gebet der Mönchsgemeinschaft, seiner Dienerin geholfen. Aber welche seelischen Qualen mögen die den Rest ihres Lebens durchlitten haben, die nicht die oben beschriebene schamanistische Ebene erreichen konnten. Von den Stunden qualvoller Gottesferne in der Einsamkeit der Zelle weiß auch der Einschließungsritus der Kirche von Soissons. Hier spricht der Zelebrans stellvertretend für die Seele des Inklusen: Wie der Hirsch lechzt nach frischem
Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?
Tränen waren mein Brot bei Tag und bei Nacht;
denn man sagt zu mir den ganzen Tag:
«Wo ist nun dein Gott?»[67] Das Herz geht mir über, wenn ich daran
denke: wie ich zum Haus Gottes zog in festlicher Schar, mit Jubel und Dank in
feiernder Menge. Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so
unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott
und Retter, auf den ich schaue. ... Ich singe ihm nachts und flehe zum
Gott meines Lebens. Ich sage zu Gott, meinem Fels: «Warum hast du mich
vergessen? Warum muss ich trauernd umhergehen, von meinem Feind bedrängt?»
Wie ein Stechen in meinen Gliedern ist für mich der Hohn der Bedränger; denn
sie rufen mir ständig zu: «Wo ist nun dein Gott?» Und mit den Worten des
Psalms 61 fleht der Inkluse noch einmal um die Hilfe Gottes: „Gott, höre mein Flehen, achte auf mein
Beten!“ und verspricht: „Dann will
ich allzeit deinem Namen singen und spielen / und Tag für Tag meine Gelübde
erfüllen.“ Manche Inklusen wurden aber offenbar nicht erhört. Sie haben ihre hochgesteckten Erwartungen zurückgeschraubt und sich arrangiert. Wie anders wäre sonst die Klage Aelreds von Rievaulx zu verstehen, wenn er in der „Inklusenregel“ gleich zu Anfang ausführt: „Viele kennen den Grund für diese
Lebensführung nicht oder sie kümmern sich nicht darum. Sie glauben es genüge,
nur die Glieder in Mauern einzuschließen, während der Geist unbeschränkt
umherschweifen kann, von Sorgen und Kümmernissen hin- und hergerissen. Sogar
unreinen und unerlaubten Sehnsüchten hängen sie nach. Voll Neugierde sind sie
mit den Ereignissen in Stadt und Land beschäftigt. … Kaum eine Inkluse wirst
du einsam antreffen. Meist sitzt vor ihrem Fenster eine schwatzhafte Alte
oder ein klatschsüchtiges Weib, dass sie mit Geschichten überschüttet, mit
Gerüchten und Verleumdungen füttert, die Gestalt, das Gesicht und den
Charakter dieses oder jenes Mönchs oder Klerikers oder sonst eines Menschen
von beliebigem Rang beschreibt; dazwischen streut sie verführerische
Geschichten, indem sie ihr die Ausgelassenheit der Mädchen ausmalt, die
Freiheit der Witwen, die tun können, was ihnen beliebt, und die
Verschlagenheit der Ehefrauen, wenn es gilt, ihre Männer zu hintergehen und
ihre Gelüste zu stillen. Dazwischen verzieht sich ihr Mund in Gekicher und
Gelächter, und das wie süßer Honig aufgenommene Gift breitet sich im Herzen
und in den Gliedern aus. Wenn schließlich die Stunde mahnt, einander zu
verlassen, ist die Inkluse mit Gelüsten, die Alte aber mit Lebensmitteln
beladen. Der Ruhe überlassen wendet die Unselige
die Bilder, die ihr die Erzählung vorgegaukelt hat, hin und her; in ihren
Gedanken belebt sie das durch die vorangegangene Erzählung entfachte Feuer zu
noch größerer Glut. Wie betrunken schwankt sie bei den Psalmen, der Kopf
schwindelt ihr bei der Lesung, und sie taumelt beim Gebet. Am nächsten Tag
kommen die Frauen wieder, fügen den alten Geschichte neue hinzu und lassen
nicht ab, bis sie die Inkluse zur Sklavin und zum Spielball für die Dämonen
der Lust gemacht haben“ (Laster der Wollust [luxuria] = Verstoß
gegen die Tugend [castitas] und das Gelöbnis der Keuschheit). Indirekt werden hier die Inklusen auch als Spielball der
Intrigen des Teufels begriffen, der sich der „alten Weiber“ als willfähriger
Werkzeuge bedient. „Denn jetzt ist ganz
offensichtlich nicht mehr davon die Rede, wie ihre Begierde entflammt,
sondern wie sie gestillt werden könnte. Gemeinsam überlegen sie, wo, wann und
durch wen erfüllt werden könnte, woran sie denkt. Die Zelle wird zu einem Freudenhaus. Und man findet
irgendein Mittel, die Öffnung weiter zu machen. Entweder kommt sie heraus,
oder der Liebhaber schlüpft hinein. Dieses Verhängnis, so zeigt sich in
unseren Tagen, ist sehr vielen gemeinsam, sowohl Männern wie Frauen. Daneben
gibt es natürlich auch Inklusen, die sich zwar von allem Unsittlichen
fernhalten, aber maßlos geschwätzig sind. Ihr Herz wird von Neugier
beherrscht, ihre Zunge und ihre Ohren vom Nichtstun und von Gerüchten. …“ Diese Ausführungen als Wiederholung typisch frauenfeindlicher Klischees abzutun, verstellt m.E. ein vertieftes Verständnis der Situation. Natürlich spricht aus den Worten des Zisterzienserabtes Bitterkeit; er wirkt selbstgerecht und denkt in seinem Zorn (auch dies ist ein verwerfliches Laster) nicht an die Worte Jesu „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“. Und es ist auch gar nicht auszuschließen, dass ihm eigene zölibatäre Fieberphantasien in der gesteigerten Form des Textes einen Streich gespielt haben. Ich glaube aber, dass Aelred die Situation im Kern durchaus richtig darstellt, auch wenn er je länger je mehr überspitzt. Für viele Frauen hat sich wahrscheinlich die Wahl dieses asketischen Lebens als Fehlentscheidung erwiesen und statt sich und der Welt ihr Scheitern einzugestehen, was in der spätmittelalterlichen Gesellschaft (nicht zuletzt bei dem Ansehen, das Inklusen überall genossen) sicherlich nicht einfach war, haben diese Frauen – nach außen den Schein wahrend - bereitwillig die Chance ergriffen (die eine mehr, die andere vielleicht weniger), wenigstens aus zweiter Hand am wirklichen Leben teilzunehmen, was bei einigen dann sicherlich zu einem wahren Doppelleben führte. Dieses Phänomen wird im Mittelalter ja auch immer wieder für Kleriker, Mönche und Nonnen beschrieben. Dass sich bei solchen Gesprächen am Zellenfenster die Erzähler(innen) entsprechend in Szene setzten und bei entsprechendem Erzähltalent auch mächtig übertrieben, während die Eingeschlossenen das Futter für ihre Phantasie wie trockene Schwämme aufsogen, liegt auf der Hand. Solche Erzählsituationen hatten möglicherweise durchaus den Charakter unserer TV – Soaps. Davor ist ja nicht einmal Aelred gefeit. Vielleicht echauffiert er sich ja auch deswegen so sehr, weil er ähnliche Anfechtungen wie die, gegen die er hier wettert, selbst erfahren hat. Zur Einschätzung der Rhetorik Aelreds sollte man allerdings auch den spirituellen Ansatz des Mönchs bedenken: Er leidet unter der Deformierung einer idealen Lebensform. Zudem ist nach alter monastischer Tradition die Geschwätzigkeit die Tür zur Verleumdung. Sie verleitet zu Narrenpossen, fördert die Lüge, entfernt die Zerknirschung und ruft die Trägheit herbei. Sie verbannt jeden ernsten gehaltvollen Gedanken und zerstört die Wachsamkeit gegenüber den stets lauernden Anfechtungen des Bösen. Sie untergräbt das eifrige Suchen nach Gott und lässt das Gebet lau werden. Dagegen ist das Stillschweigen, das mit Klugheit verbunden ist, eine Mutter des Gebetes. Es ruft den Geist aus der Zerstreuung zur Sammlung, bewahrt das Feuer der göttlichen Liebe, führt eine genaue Aufsicht über die Gedanken, beobachtet den Feind, umschließt die Bußtrauer wie ein Kerker, und liebt die Tränen. Das Stillschweigen bewirkt das immerwährende Denken an den Tod, malt uns das Gericht und die ewigen Strafen vor Augen, führt uns zur heilsamen Traurigkeit und ist ein Feind des Selbstvertrauens. Das Stillschweigen bekämpft hochmütige Lehren und führt zur Betrachtung der Wahrheiten der Schrift. Das Stillschweigen ist ein verborgenes Fortschreiten der Tugend und ein geheimes Aufsteigen zu Gott. Wer seine Sündenfälle erkennt, beherrscht leicht seine Zunge. Wer aber geschwätzig ist, wird nicht die nötige Selbstkenntnis erlangen. Ein Freund des Stillschweigens nähert sich Gott, und wird auf eine geheime Weise, während er mit Gott spricht, von Gott erleuchtet. Wenn Aelred im Verlauf seiner Rede das Lachen schmäht, dann ist das auch aus seiner rigiden monastischen Haltung heraus zu verstehen: In den frühen Mönchsregeln wurde das Lachen unter dem Kapitel über die Stille (taciturnitas) als der schrecklichste und obszönste Weg, das Schweigen [die fundamentale Tugend eines Mönchs] zu durchbrechen beschrieben. Der Heilige Benedikt, hingegen, schrieb das Lachen im 6. Jahrhundert in seinen Mönchsregeln dem Bereich der mönchischen Bescheidenheit zu und stellte heraus, Lachen sei das Gegenteil von Demut. Die Regula Magistri stammen ebenfalls aus dem 6. Jahrhundert. Die Besonderheit dieser Mönchsregeln liegt darin, dass sie nicht nur Verhaltensweisen empfahlen, sondern diese anhand des damaligen christlichen Verständnisses von Körper und Geist zu erklären suchten. Die Regula Magistri legten dar, dass der menschliche Körper dem Guten, sowie dem Bösen ständig durch zwei Quellen ausgesetzt war, einer äußeren und einer inneren Quelle. Von außen käme Gutes durch die göttliche Gnade, Schlechtes vom Teufel und seinen Versuchungen. Als innere Quelle wären die Gedanken zu kontrollieren, die gut oder böse sein könnten. Der Regula Magistri zufolge gab es am menschlichen Körper Filter, die in beiden Richtungen arbeiteten. Sogenannte Löcher im Gesicht: Mund, Augen und Ohren sollten nur das Gute hereinlasssen und diesem Ausdruck verleihen. Die Zähne wurden als Barriere, als sogenannter „Bolzen des Mundes“ verstanden, die dem Bösen den Weg versperren sollten. Wenn das Lachen beginnt, muß es auf jeden Fall daran gehindert werden, sich Ausdruck zu verschaffen. So sehen wir, wie von all den üblen Ausdrucksformen, die von innen kommen, das Lachen das Schlimmste ist: Die schlimmste Verschmutzung des Mundes. Überdies ist anzumerken, dass Lachen zu dieser Zeit meist in Verbindung mit Wollust und sündigen, fleischlichen Genüssen gesehen wurde und darum als unangenmessen und verwerflich galt. In diesem Sinne steigert Aelred dann ja auch seine Darstellung, wenn er davon spricht, dass solche Inklusen am Ende auch das Keuschheitsgelübde brechen – wobei Aelred nach meiner Meinung hier von Einzelfällen verallgemeinert und so selbst Opfer der eigenen Rhetorik wird, indem er in eine aufgeregte Geschwätzigkeit verfällt, die er eigentlich meiden müsste. Aelred verweist noch auf eine andere Fehlentwicklung im Inklusentum: „Andere Inklusen aber sind voller Gier darauf, Geld anzuhäufen und ihre Viehherden zu vergrößern, ein Laster, das fast alle Inklusen unserer Zeit (2. H. 12. Jh.) erfasst hat. Sie geben sich mit solcher Aufmerksamkeit und Sorge diesen Gedanken hin, dass man sie für Familienmütter oder Hausherrinnen und nicht für Eremitinnen halten könnte. Sie kümmern sich um Weiden für ihre Tiere, sorgen sich um Hirten, sie zu bewachen, und erkundigen sich bei den Aufsehern nach den Jahreserträgen oder dem Preis, nach Gewicht oder Zahl. Die Folge ist, dass sie kaufen und verkaufen, so dass Münze zu Münze gelegt wird, der Geldhaufen wächst und die Habgier wird entflammt. Ein leichtfertiger Geist führt nämlich solche Frauen in die Irre, indem er ihnen suggeriert, dies sei nützlich und notwendig für die Verteilung von Almosen oder die Verköstigung der Waisen, für die liebevolle Betreuung von Verwandten oder Fremden und die Aufnahme Gottgeweihter Frauen[68]. Sollte diese Schilderung tatsächlich zutreffen, dann hatte sich die Lebensweise mancher Inklusen in Yorkshire (dort lag die Abtei Rievaulx nordwestlich von Helmsley) sehr von der ursprünglichen asketischen Strenge entfernt und sich der Lebensweise von Stiftsdamen angenähert. Aber auch anderen Orts gab es offenbar Mißstände. So muss sich Wiboradas Tugendhaftigkeit in der Begegnung mit einer Konstanzer Inkluse Cilia bewähren. Wiborada suchte sie in ihrer Zelle auf, um sich bei ihr über das Leben als Inkluse zu informieren. Gleichzeitig sollte Cilia aber im Auftrag des Bischofs von Konstanz prüfen, ob Wiborada für ein Leben als Inkluse geeignet sei. Im Verlauf der Begegnung versucht Cilia Wiborada unter Berufung auf den in der hl. Schrift geforderten Gehorsam zu einem üblen Geldgeschäft zu verleiten. Sie sollte nämlich das Geld, das man Cilia als Almosen gebracht hatte, an reiche Bürger zu entsprechenden Zinsen ausleihen. Wiborada erschrak, und lehnte das Ansinnen unter Berufung auf Paulus ab: „Wusstet ihr nicht, dass Ungerechte das Reich nicht besitzen werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher…noch Habsüchtige, noch Geizige … werden das Reich Gottes erben.“ Aus Rache riet Cilia dem Bischof Wiborada in das Kloster auf der Bodenseeinsel Lindau einzuweisen, dort sei es still und abgeschieden, dort könne sie ganz im Gebet aufgehen. Wiborada ging aber nicht an diesen Ort, weil die Lebensverhältnisse dort zu schlecht waren (die Legende sagt, auf Rat des hl. Gallus). Cilia wurde später ihres Inklusentums enthoben, weil sie das heilige Institut durch abwegige Handlungen entweiht hatte.[69] Asketinnen mussten sich allerdings auch immer wieder schlimmer Verleumdungen erwehren; so setzte eine Dienerin Wiboradas – reduziert man die Legende auf ihren möglicherweise wahren Kern – das Gerücht in die Welt, ihre Herrin benütze ihre heimlichen abendlichen Ausgänge (in der Zeit vor ihrer Einschließung) nicht, um in der Kirche zu beten, sondern um sich heimlich mit Liebhabern zu treffen; ja sie ging mit ihren Verleumdungen so weit, dass sie Wiborada der Blutschande mit ihrem Bruder Hitto bezichtigte.[70] Ähnlich verhält sich auch – wie wir oben gesehen haben - Wilbirgs Beichtvater, der sie, als sie ihm nicht zu willen sein wollte, im Konvent verleumdete, sie habe ihn verführen wollen – übrigens eine hübsche Umkehrung der Versuchung Davids durch Potiphars Frau; hier ist nicht die Frau die Versucherin, sondern der Mönch, dem als Beichtvater die Unschuld der ihm Anvertrauten besonders am Herzen liegen müsste. Die Einschließung erfolgte im Rahmen eines Festgottesdienstes, an dem die Gemeinde und Menschen aus der ganzen Umgebung teilnahmen und in dessen Verlauf der oder die Inkluse der Gemeinde als Vorbild vor Augen geführt wird. Eine ausführlichere Beschreibung des Ritus findet sich bei Martène aus einem Rituale der Kirche von Soissons[71] und bei Johannes Busch[72] (Letzteres für die Mitte des 15.Jh.). Daneben werden in den Viten etc. immer nur einige kurze Hinweise gegeben, die die beiden Hauptquellen bestätigen. Der Augustinerchorherr Johannes Busch[73] schildert in seinem „Liber de reformatione monasteriorum II, 42“ den Einschließungsritus einer Inkluse, wie er in der 2. H. des 15. Jh. in Sachsen üblich war; er unterscheidet sich von dem der Kirche von Soissons nicht zuletzt dadurch, dass nicht die Totenmesse, sondern die Messe zum Hl. Geist gefeiert wird. Damit verschieben sich zunächst die Gewichte: nicht mehr Sünde und Gericht stehen im Vordergrund, vielmehr sprechen die Messtexte davon, dass vor dem Heiligen Geist die Feinde zerstieben, d.h. er hält die bösen Geister fern, die auch die Inklusen immer wieder bedrängen, er erleuchtet und tröstet sie und wäscht sie von allen Sünden ein. Vor allem aber spendet er ihnen „seiner Gaben sieben Zahl“, was da sind: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Weisheit, Verstand, Erkenntnis, Rat und Stärke. Im weiteren Sinn gehören zu den Gaben des Heiligen Geistes aber auch charismatische Fähigkeiten wie die Fähigkeit zu prophezeien, Kranke zu heilen, Wunder zu wirken, Geister (Teufel von Engeln) zu unterscheiden u.ä., Felder auf denen sich Inklusen immer wieder tummeln. Manche Theologen zählen zu den Gaben des heiligen Geistes auch Glauben, Leidensbereitschaft, Ehelosigkeit und freiwillige Armut – also entscheidende Faktoren im Leben einer Inkluse. Allerdings wird gegen Ende der Zeremonie mit dem „dies irae, dies illa …“ auch in diesem Ritual die Bedeutung von Sünde und Gericht über den Sünder an entscheidender Stelle - nämlich kurz vor der Einschließung - ins Bewusstsein der Einzuschließenden gerufen. Im Einzelnen beschreibt Busch die Zeremonie wie folgt: Am Tag der Einkleidung wurde N.N. mit nackten Füßen von einer frommen und reichen älteren Frau, die auch mit nackten Füßen einherschritt, zum Altar geführt, wo der Priester[74] bereits auf sie wartete. Nachdem sich N.N. vor den Stufen des Altares niedergeworfen hatte, fragte sie der Priester vor der Öffentlichkeit der ganzen Gemeinde, ob die Inkluse tatsächlich aus freien Stücken die Einschließung wünsche – eine letzte Möglichkeit von der Einschließung zurückzutreten. Anschließend nimmt er ihr das Gehorsamsgelübde ab (Gehorsam gegenüber dem Ortsbischof). Dann hält er ihr noch einmal vor Augen, welche Mühen sie auf sich nehmen muß, vor allem, dass sie ständig gegen den Teufel ankämpfen muss. Er fragt sie, ob sie genau erwogen hat, dass sie mannhaft kämpfen muß gegen die Welt und gegen ihr Fleisch und macht noch einmal deutlich, dass sie – obwohl schon für die Welt gestorben – die Entscheidungsschlacht gegen die ‚ Welt’ noch schlagen muss. Darauf muß sie antworten: Aus Liebe zu Gott und um meines Seelenheils willen und gestärkt durch die Gebete der Frommen habe ich alles genau durchdacht und mit Gotteshilfe vorbereitet. Dann kniet der Priester nieder und beschwört mit dem „Veni Creator spiritus“ [75] und zwei Responsorien den Heiligen Geist, er möge der Inkluse auf ihrem schweren Lebensweg beistehen. Nachdem mit verschiedenen Litaneien und einigen Gebeten – die im einzelnen nicht genannt werden – die Hl. Jungfrau Maria und alle Heiligen angerufen worden sind, der Inkluse beizustehen, singt die Gemeinde stellvertretend für die Inkluse das „Regnum mundi“ gesungen: Um der Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus willen habe ich alle Herrschaft dieser Welt und alle zeitlichen Kostbarkeiten dieser Welt verachtet. Ich habe ihn gesehen, ich habe ihn geliebt, ich habe an ihn geglaubt, ich habe ihn über alles geschätzt. Mein Herz hat das gute Wort gesprochen. Ich bringe meine Werke vor den König; ihn habe ich gesehen, ihn habe ich geliebt, an ihn habe ich geglaubt, ihn habe ich über alles geschätzt. Daraufhin legt N.N. ihre alten Kleider und mit ihnen den „alten Menschen“ ab und wird eingekleidet. Nach der Einkleidung hält Busch in Gegenwart der Priester, Kleriker und des Volkes eine kurze Predigt[76], dann wurde die Messe zum Hl. Geist gesungen. Nach dem Credo
wendet sich der Priester der Einzuschließenden zu und überprüft ein letztes
Mal, ob die Inkluse tatsächlich freiwillig ihr Gelübde ablegen will: Schwester, du wirst in diesem Augenblick dein Gelübde ablegen.
Und ihr (wohl die Gemeinde) habt genauestens geprüft, ob sie wirklich das
Gelübde ablegen und den Kampf gegen das Fleisch, die Welt und den Teufel
aufnehmen will? Falls irgendein Druck auf sie ausgeübt wurde, so muß das hier
frei bekannt und vor ihr öffentlich dargelegt werden. Nachdem die Zustimmung
erteilt ist, übergibt der Priester ihr die Regel (hier des hl. Augustinus)
mit den Worten: Empfange diese Regel,
die du annehmen mögest, um ihr zu folgen. Willst du gemäß dieser Regel in
dieser Klause bis zu deinem Tod leben? Darauf antwortet sie: Ich will es. Dann muß sie ihr Gelübde vorlesen. Wenn sie das nicht kann, dann muß dies ein Diakon oder eine andere Frau für sie tun. Nachdem das Gelübde abgelegt ist, sagt der Priester: Festige Herr, was du hier vor uns gewirkt hast. Dann spricht der Priester fünf Gebete. Am Ende der Messe empfängt die Einzuschließende die Hl. Kommunion. Wenn die Messe
zu Ende ist, wendet sich der Priester zu der Einzuschließenden und spricht drei Gebete[77]. Dann legt er ihr ein
Kreuz in die Arme und spricht: Empfange
dieses Bild des Gekreuzigten, dessen Leiden und Sterben du studieren und
immer in deinem Herzen bewahren mögest. Danach stimmt der Priester das „Asperges“ an (Bitte um Gottes Erbarmen) und führt sie gemeinsam mit einem anderen Priester mit dem Kreuz in den Händen und gekleidet in weiße Gewänder mit nackten Füßen über den Friedhof zur Klause. Dabei singt er mit den Anwesenden den Wechselgesang ‚Libera me, Domine, de morte eterna...’ In diesem Gebet werden noch einmal die Ängste ausgedrückt, die Menschen bewegten, sich der Askese zu unterwerfen. (Rette mich, Herr, vor dem ewigen Tod an jenem Tage des Schreckens, wo Himmel und Erde wanken, da du kommst, die Welt durch Feuer zu richten.) Auch das
nachfolgende ‚Dies irae, dies illa ...’ beschwört noch einmal diese Ängste[78] Außerdem wird noch
einmal das Responsorium „Regnum mundi“ und das Responsorium „Accessit ad
pedes Christi peccatrix“ gesungen. Mit letzterem wird der Inkluse ihr großes
Vorbild vor Augen geführt: Maria aus Magdala, der dank ihrer tiefen und vorbehaltlosen
Liebe zu Jesus alle Sünden vergeben wurden Vor der Klause wirft sich die Einzuschließende zu Boden und bittet mit den Worten des Psalms 130 Gott noch einmal um Gnade und Vergebung ihrer Sünden. Die folgenden Gebete bitten noch einmal um
Gottes Erbarmen, damit er der Inkluse die Sünden vergebe, sie vor der Hölle
bewahren und sie aufnehmen möge in sein Reich. Dann stärkt der Priester die Inkluse, indem er dreimal das Kreuzzeichen über sie schlägt und dabei spricht: Der Segen Gottes, des allmächtigen Vaters
und des Sohnes und des Hl. Geistes komme über dich und bleibe alle Zeit bei
dir. Amen. Dann segnet der Priester die Klause mit fünf langen Gebeten. Dann werden vor der Tür der Klause noch verschiedene Psalmen gebetet, wobei die Bitte um rasche Hilfe (Ps. 101) am Ende in ein euphorisches Gotteslob mündet (Ps. 148), mit dem Gott gedankt wird, dass er diesen Menschen zu dieser außergewöhnlichen „Laufbahn“ berufen hat. Diesen Teil beschließt die Antiphon: Ihre Gerechtigkeit wird immer in Erinnerung bleiben, vor übler Nachrede wird sie sich nicht fürchten.[79] und Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des Herrn im Land der Lebenden. [80] Schließlich führt der Priester die
Inkluse in ihre Zelle; in ihren Armen liegt das Kreuz, das sie bis zu ihrem
Lebensende behält als Erinnerung an die Passion Christi. Dann sagt der
Priester: Der Herr beschütze deinen
Eingang und deinen Ausgang und der Chor antwortet: Von nun an bis in Ewigkeit. [81] Nachdem er die Inkluse und die ganze
Klause mit Weihwasser besprengt und beweihräuchert hat, verschließt er die
Tür mit den Worten: Ruhe in Frieden,
Amen. Und nun beginnt der Alltag des Inklusenlebens mit all seinen Höhen und Tiefen wie wir sie oben beschrieben haben. |
[1] nach:
Otmar Doerr, Das Institut der Inclusen in Süddeutschland, Münster 1934,
S, 2 f.
= Beiträge zur Geschichte des alten
Mönchtums und des Benediktinerordens, hrsg. v.
Ildefons Herwegen OSB, Heft 18.
Im Folgenden orientiere ich mich auch an
Armin Basedow: Die Inclusen in Deutschland,
vornehmlich in der Gegend des Niederrheins
um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts.
Unter besonderer Berücksichtigung des
Dialogus Miraculorum des Caesarius von
Heisterbach dargestellt von Armin Basedow.
Heidelberg 1895 (Vlg. Von J.Hörning)
[2] Wie an anderer Stelle bereits ausgeführt, richtet sich mein Interesse vor allem auf die
weiblichen Religiosen im alten Herzogtum Geldern. In diesem Zusammenhang stößt man
auch auf das Phänomen der Inklusen. Bei dem Versuch, mich diesem Phänomen zu nähern,
verfestigte sich bei mir der Eindruck, dass die mittelalterliche Kirche auf der normativen
Ebene (Synodalbeschlüsse) nicht zwischen männlichen und weiblichen Inklusen unter-
schied. Die mir bekannt gewordenen Regeln haben zwar als Adressaten jeweils einen Mann
oder eine Frau, unterscheiden sich aber im wesentlichen kaum von einander. Auf Grund
meines Interesses und der Tatsache, dass im Spätmittelalter vor allem Frauen die asketische
Lebensform der Einschließung wählten, werde ich die Lebenspraxis der Inklusen vor allem
an Beispielen weiblicher Inklusen beschreiben. Da ich bisher noch keine Lebensbeschrei-
bungen von Inklusen aus dem Geldrischen gefunden habe, stütze ich mich hier auf Quellen
aus dem gesamten Gebiet des ehem. Hl. Röm Reiches, und zwar vornehmlich auf solche,
die übersetzt sind.
[3] Vgl.: Inklusenregel
des ehrwürdigen Abtes Aelred von Rievaulx, in: Aelred von
Rievaulx, Samenkörner zur Meditation, Langwaden
2004, S. 113.
[4] In den mir bekannt gewordenen Viten scheint
dieses Prinzip im Grunde beibehalten.
Die Inklusen führen schon
viele Jahre entweder in oder bei einem
Kloster oder in ihren
häuslichen Bereichen ein extrem asketisches
Leben, bevor sie sich einschließen lassen.
[5] Brief 404
[6] Diese „religiösen Verpflichtungen“ werden im
Folgenden an Hand der verschiedenen Viten
konkretisiert.
[7] Röm. 12, 17: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ oder 1. Tim. 6, 17-19
„Ermahne die, die nach den Maßstäben dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu sein
und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott. Denn
Gott gibt uns alles, was wir brauchen reichlich und wir dürfen es genießen. Sie sollen Gutes
tun, freigebig sein und ihren Besitz mit anderen teilen. Wenn sie so in guten Werken reich
werden, schaffen sie sich einen sicheren Grundstock für die Zukunft und werden das
wirkliche Leben gewinnen.
[8] Ruotger: Lebensbeschreibung des hl. Erzbischofs
Bruno von Köln, übersetzt und erläutert
von Irene Schmale-Ott, Köln 1954, S. 62
(Ende Kap. 33)
[9] Grimlaicus unterscheidet in seiner Regula
solitariorum (um 900) allerdings zwischen
Inklusen, die in einem Klosterbezirk leben
und Eremiten, die bei einer Pfarrkirche oder auf
dem Land bei einer Kapelle leben;
möglicherweise unterlagen die Eremiten
nicht der
totalen Klausur wie die Inklusen.
[10] um 900 von einem französischen Priester, der
selbst als Inkluse lebte, für einen Mitbruder
verfasst, MPL 103, S.
573 ff.
[11] So Jutta von Sponheim oder Liutbirg – siehe
unten Abschnitt „Arbeit“
[12]
The English Text of the Ancrene Riwle,
Early English Text Society Original Series No 225, 1952)
[13]
[15] Die von Aelred hier genannte Gruppe (Maria
und Johannes unter dem Kreuz
ist ein beliebtes Andachtsbild des
Mittelalters. Es findet sich - von schlicht
bis pompös – in bildnerischen Gattungen
(Buchmalerei, Goldschmiedekunst, Plastik
und Malerei) Eine sehr eindrucksvolle
Darstellung von Matthias Grünewald findet
sich im Badischen Landesmuseum: http://12koerbe.de/in/kreuz.htm
Ein solches Bild konnte sollte sich eine
Inkluse nicht leisten; es vermittelt aber sehr
gut die tiefe Emotionalität und
Betroffenheit, die von einem solchen Bild auf
die Meditierende ausgehen sollte.
[16] Nach: Das Leben der
Liutbirg, übersetzt von Ernst Witte, Leipzig 1944, S. 51.
= Die Geschichtsschreiber der deutschen
Vorzeit, 3. Gesamtausgabe von Karl Langosch,
Bd.
97
[17] Nach Bühler, wie Anm.
14, S. 305
[18] Lebte als Inkluse im
Kloster St. Gallen, wo sie während des Ungarneinfalls 926 den
Martyrertod erlitt. Sie wurde. Ihre
Heiligsprechung im Jahre 1047 war die erste römische
Kanonisation einer Frau.
[19] Grimlaicus spricht im 51. Kap. seiner Regel – allerdings recht allgemein - von der
Körperpflege. Er weist das Argument, der hl. Antonius habe nie gebadet, zumindest
hinsichtlich der Priester zurück; wer die heilige Messe zelebriert, der muß seiner Meinung
nach „sauber und rein sein“.
Auch Haare und Bärte soll man maßvoll schneiden. Dabei beruft er sich zunächst auf den
hl. Apollonius, der wie wir im „Leben der Väter“ lesen die tadelte, die ihr Haupt- und
Barthaar wild wachsen ließen. Grimlaicus ist der Meinung, dass, wer die Haare wild
wachsen lässt nur auf Außenwirkung aus ist; d.h. wenn man schon von weitem sieht und
riecht, dass sich ein Asket nähert, dann verstößt das gegen das Gebot der Demut. Denn wie
das Fasten sollen auch die anderen asketischen Übungen im Stillen vollzogen werden, so,
dass nur Gott die jeweilige asketische Übung sieht. Grimlaicus erinnert an den Hinweis
Gregors d. Gr. „Wenn die Heiligkeit im Bart steckt, dann ist niemand heiliger als der
Ziegenbock.“
[20] RB 39, 4 und 40, 3 . Eine Hemina ist ein altes römisches Hohlmaß (Becher) mit einem
Volumen von 0,274 Liter. Zwölf Heminae ergaben ein Congius
[21] Gemeint ist wohl
Weißbrot; im Normalfall erhielten die Gesunden bei den Zisterziensern
nur Brot aus grob gesiebtem Mehl.
[22] Früher gab es in jedem Vierteljahr herausgehobene Wochentage, jeweils am Mittwoch,
Freitag und Samstag in der ersten Woche einer neuen Jahreszeit. Von der Zahl "Vier" der
Jahreszeiten leitet sich auch der Name Quatember, von lateinisch quartus - vier her. Es
waren Buß- und Fasttage, die der Erneuerung dienten.
[23] Das Leben der Liutbirg,
S. 48
[24] Gemeint ist die Judith
des AT, die dem Holofernes den Kopf abschlug. Jdt. 8, 6
[25] Gemeint ist eine
gewisse Mechthild, die ursprünglich selbst Inkluse werden wollte, aber zu
Gunsten von Wilbirgis zurücktrat und ihr
nun diente.
[26] Die Vita Wilbirgis des
Einwik Weizlan. Kritische Edition und Übersetzung von Lukas
Sainitzer. = Forschungen zur Geschichte
Oberösterreichs Bd. 19. Linz 1999. S. 303 f.
[27] Auch in der Paumburger Regel
hatte ein frommer Hirte dem Inklusen ein Fell geschenkt,
weil die Zelle im Winter nicht geheizt war.
[28] Hanf ist eine der ältesten Kulturpflanzen Eurasiens. Sie wächst auf fast jedem Boden und
ist kaum von natürlichen Schädlingen bedroht. Schon ca. 8000 v. Chr. genutzt, wandert sie
über Indien und Persien nach Europa, wo sie bereits ca. 2500 v. Chr. im Raum Tübingen
belegt ist. Die Kleidung der im Jahre 565 in Paris begrabenen Merowinger - Königin
Adelgund bestand bereits aus voll aufgearbeitetem Hanfgewebe. Im § 62 des Capitulare de
villis (um 795) ist der Umfang der Hanfernte in die jährliche Berichtspflicht aufgenommen.
Hanfgewebe waren in der Vergangenheit eher grob und kratzten auf der Haut, wurden aber
durch häufiges Waschen weicher. Der Härtegrad hing und hängt allerdings von der
Verarbeitung ab: heute kann ein Hanfgewebe weicher als ein Baumwollgewebe sein.
Hanftextilien sind sehr langlebig und reißfest.
Die Hanffaser ist eine Wachsfaser, die sich den wechselnden Temperaturen
anpassen kann,
das heißt, dass sie sich bei kalten Außentemperaturen zusammenzieht und
den Körper
isoliert, und umgekehrt sich bei Hitze öffnet, elastisch wird und den
Körperschweiß nach
außen ableitet.. Wegen des ausgesprochen hohen Sauerstoffgehaltes der Hanffasern lassen
diese die Bildung von anaeroben Bakterien nicht zu, d.h. Hanfgewebe bleiben lange
geruchsneutral. Die Fasern wirken aus diesem Grund u.a. auch schimmelhemmend. Wegen
dieser Frischewirkung wurden in früheren Jahrhunderten Lebensmittel oft in Hanftücher
eingewickelt, so dass sich zum Beispiel die Haltbarkeit von Fleisch angeblich verdoppelte.
[29] Aelred v. R.
Inklusenregel S. 135
[30] gemeint ist wohl das Cilicium, das grobe Büßergewand aus Ziegenhaar. Das nach innen
(zur Haut) gewandte Ziegenhaar scheuerte auf der Haut, was dauerhaft zu eitrigen
Entzündungen führte. Eine Sitte, die auf besonders strenge orientalische Mönche des 4. Jh.
zurückgeht und wahrscheinlich mit dem Anachoretentum und in Nachahmung des
Büßerkleides des hl. Martin im Abendland Eingang gefunden hat. Diese Sitte wurde bis
zum 2. Vaticanum noch von den Karthäusern gepflegt.
[31] Wie Anm. 24, S. 305
[32] Vgl. Caesarius von Heisterbach DM XI, 27
[33] Nach altem monastischen Brauch wird der Tag durch die Gebetszeiten (Horen) in etwa
gleich lange Abschnitte eingeteilt: Prim, Terz, Sext und Non. Die Begriffe stammen noch
aus der antiken Tageseinteilung. Die Prim bezeichnet die erste Stunde des Tages (6 Uhr).
Da sich die mittelalterlichen Mönche am Sonnenstand orientierten, waren die Intervalle im
Sommer größer als im Winter (eine „Stunde“ entsprach also nicht unseren 60 Minuten).
[34] S. Freud, Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie (1904/05)
[35] Immer wieder in ihren
Phantasien von grauenhaften Monstern (Teufeln) heimgesucht, weil
Gott sie durch solche Prüfungen stärken
will(so interpretieren es jedenfalls die Chronisten/
Mönche): Die Dienerin Gottes wurde um so reiner und fester, je häufiger und
härter
sie im
Feuer solcher Qualen geröstet wurde.(41) Er schickt aber Hilfe
vom Himmel
oder greift selbst ein, wenn die Prüfungen
die Inkluse überfordern. So heißt es z.B. im
Kapitel 46 von Wilbirg: Eines Nachts, als Wilbirg niedergedrückt von
der Last großer
Einsamkeit
von Weinkrämpfen geschüttelt am
Boden lag, kam ihr Trost vom
Beistand
aller Verwaisten: Es erschien ihr
nämlich der Herr Jesus Christus, der
sie
eigenhändig von der Erde aufhob. Er tröstete seine Tochter freundlich und
liebevoll und sagte: „Hab’
Vertrauen meine Tochter und erwarte den Trost durch
mich, denn ich werde dein Lohn
sein.“ (46)
[36] Des Augustinerprobstes
Johannes Busch Chronicon Windesheimense und Liber de
reformatione monasteriorum, bearbeitet von
Karl Grube (=Geschichtsquellen der Provinz
Sachsen und angrenzender Gebiete, Bd. 19)
Halle 1886, S. 656 ff.
[37] Da die Nächte vor allem in den Wochen vor und
nach der Sommersonnenwende (21. Juni)
besonders kurz sind, plädiert Aelred hier
wohl für eine längere Mittagsruhe.
[38] Vita I, Kap. I, 5
[39] Liutbirg wurde von
einer Gräfin namens Gisela in einem
Kloster entdeckt, wo sie erzogen
wurde. Gisela war so begeistert von der
Liebenswürdigkeit, der Sittenstrenge und den
haushalterischen Fähigkeiten des jungen
Mädchens, dass sie Liutbirg de facto adoptierte.
[40] Caritas ist die
christliche Tugend der Liebe. Seit Augustinus unterscheidet man die caritas
Dei und die caritas proximi, also die
Gottes- und die Nächstenliebe.
[41] Grimlaicus cap. 16
[42] PL 170, S. 825
[44] Diese Wundergeschichten
sind – wie in vielen Heiligenviten – den Heilungen Jesu
nachgebildet und galten im Mittelalter als
Ausweis der Heiligkeit. [Wilbirg berührt z.B. die
Augen eines fast Erblindeten, der daraufhin
wieder sehen kann (79), verhilft einem
Gehbehinderten zu voller Bewegungsfreiheit
(77) u.ä.]
[45] Eva Irblich: Die Vitae
Sanctae Wiboradae – Ein Heiligen-Leben des 10. Jahrhunderts als
Zeitbild. Sonderdruck aus den Schriften des
Vereins für die Geschichte des Bodensees und
seiner Umgebung, Heft 88, Friedrichhafen
1970. (gekürzte Fassung der Diss. 1968
an der
Phil.Fak. d. Uni Innsbruck.
[46] Der heilige Gangolf stammte aus einer burgundischen Hochadelsfamilie. Er lebte zur Zeit
König Pippins (III. d.J. + 768; Vater Karls d. Gr.) Er war ein Mann Gottes und genoss bei
seinen Standesgenossen und im Volk hohes Ansehen.
(vgl. Ludwig Zoepf. Das Heiligenleben im 10. Jh. (= Beiträge zur Kulturgeschichte des
Mittelalters und der Renaissance. Hrsg. von W.Götz. (Heft 1). Leipzig /Berlin 1908.
[47] Vgl. Zoepf,
Heiligen-Leben S. 112.
[48] Denn als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel eingeprägt: Wer nicht arbeiten will,
soll auch nicht essen. Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen
und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im
Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbst verdientes
Brot zu essen. (2. Thess. 3, 10 – 12)
[49] Vgl. dazu Lk 10, 38 – 42) Lukas erzählt: Jesus und seine Jünger zogen weiter
und kamen in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau namens Marta freundlich auf.
Ihre Schwester Maria (die Jesus sehr liebte) setzte sich zu Jesus und hörte ihm zu.
Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen , die Gäste zu bewirten, und
beschwerte sich schließlich bei Jesus, dass Maria ihr die ganze Arbeit überließ.
Darauf Jesus: Maria, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eins ist
notwendig; Maria hat den besseren Teil erwählt, der soll ihr nicht genommen
werden.
[50] Vgl. „Sieben Werke der Barmherzigkeit“
http://de.wikipedia.org/wiki/Werke_der_Barmherzigkeit
oder
[51] Radegunde (518/20 –
587), Tochter des thüringischen Königs Berthachar, wird als
Kriegsgefangene auf das königliche Landgut
Athies bei Péronne an der Somme verschleppt.
Hier lernt Radegunde die lateinische
Sprache, liest Kirchenväter und Dichter und widmet
sich der Pflege und dem Unterricht armer
Kinder. Nach dem Tod seiner vierten Gattin, der
Königin Ingunde (vor 540), erzwingt Chlothar
I. die Heirat mit Radegunde, nachdem er
kurz zuvor die zehn und sieben Jahre alten
Söhne seines verstorbenen Bruders Chlodomer
eigenhändig erdolcht und den eigenen
rebellierenden Sohn samt seiner Familie in ihrem
Haus verbrannt hat. Nach erfolgloser Flucht
der Braut findet die Hochzeit in Vitry (Artois)
statt. Auch als Königin lebt Radegunde am
Hof in Soissons asketisch, beschenkt die Kirche,
bemüht sich um Aufhebung von Todesurteilen,
pflegt Kranke. Als Chlothar I. um 550 als
Vergeltung für einen Aufstand der Thüringer
Radegundes Bruder ermordet, flieht sie nach
Noyon und läßt sich von Bischof Medardus zur
Diakonin weihen. Anschließend begibt sie
sich auf das königliche Landgut Saix (im
Grenzgebiet zwischen Touraine und Poitou) und
gründet hier eine freie Gemeinschaft von
Frauen zur Pflege Kranker und Notleidender.
Durch Vermittlung von Bischof Germanus von
Paris kann Radegunde 552 mit Zustimmung
Chlothars vor den Mauern von Poitiers das
Kloster Ste-Marie-hors-les-Murs (später Ste-
Croix) gründen, setzt ihre Adoptivtochter
Agnes als Äbtissin ein und leistet selbst die
niedrigsten
Dienste im Kloster. Nach dem Tod Chlothars I. (561) kann Radegunde ihre
religiöse Tätigkeit ungehindert fortsetzen.
Um 567 kommt der italienische Dichter und
Priester Venantius Fortunatus († 609) nach
Poitiers, wird zum engen Vertrauten der Königin
und der Äbtissin Agnes, die für ihn
"Mutter und Schwester" bedeuten (mater honore mihi,
soror autem dulcis amore), und nimmt gegenüber
Königen und Würdenträgern die
Interessen des Klosters wahr. Als auf
Radegundes Bitten das byzantinische Kaiserpaar
Justin II. und Sophia 569 einen Splitter vom
Heiligen Kreuz nach Poitiers sendet, benennt
Radegunde ihre Abtei um zu Ste-Croix.
Venantius verfaßt zu diesem Ereignis mehrere
Hymnen, darunter "Pange lingua
gloriosa" und "Vexilla regis" sowie ein Lobgedicht auf das
Kaiserpaar. Anlässlich einer Reise nach
Arles zusammen mit Agnes (570) lernt Radegunde
die Ordensregel des Caesarius von Arles (†
542) kennen, die dieser bedeutendste Förderer
des südgallischen Mönchtums für das von
seiner Schwester Caesaria geleitete Kloster St-
Jean ausgearbeitet hat, und reformiert
danach ihr eigenes Kloster, um den Machtansprüchen
des Bischofs Maroveus von Poitiers zu
begegnen. Radegunde lebt in ihren
letzten
Lebensjahren in strengster Klausur.
[52] Gregor von Tours,
Fränkische Geschichte VI. Buch, Kap. 29 (nach der Übersetzung von
Wilhelm von Giesebrecht neu bearbeitet von
Manfred Gebauer, Phaidon Vlg. 1988
[53] Ex. 17,6
[54] 1 Kor. 10,4
[55] Off. 7, 7
[56] Off. 21, 6
[57] Ps. 42, 2 f.
[58] Joh.
3, 27
[59] Nach Aelred von
Rievaulx, Inklusenregel S. 131 f.
[60]
Speculum Inclusorum auctore ananymo anglico
saeculi XIV, hrsg. v. P. Licario
Oliger
OFM,
Romae 1938
[61] Studien zur Legende der heiligen Maria Aegyptiaca im deutschen
Sprachgebiet
von Konrad
Kunze. E. Schmidt Vlg. (1969)
[62] Die historische
Existenz des Paulus von Theben ist umstritten, man geht davon aus, dass
Hieronymus mit seiner Geschichte daran
gelegen war, einen Gegenentwurf zur
Vita Antonii
des Athanasius (um 300 -373) zu schaffen,
um sein
literarisches Talent
herauszustellen.
[63] Schöne Bilder finden sich unter
http://www.heiligenlexikon.de/start.html?BiographienM/Maria_Magdalena.html
vgl auch die wunderbare Darstellung von
Tilman Riemenschneider aus dem
Münnerstädter Altar
[64] In der Übersetzung von Alexander Kaufmann,
Annalen des Hist.Vereins f.d. Niederrhein,
Heft
47, Köln 1888, S. 102 (Caesarius v. H. =
Zisterziensermönch *um 1180 in oder in
der Nähe von Köln,† 1240 in Heisterbach;
Dialogus Miraculorum 1219-1223)
[65] Brombach liegt bei Wertheim a.d. Tauber
[66] Gemeint ist Rudolf von Habsburg, der 1273 statt Ottokar von Böhmen zum römisch-
deutschen König gewählt wird. Ottokar fällt 1278 in der Schlacht auf dem Marchfeld
gegen Otto von Habsburg, der durch seinen Sieg Österreich, Kärnten und Steiermark
gewinnt und damit
die habsburgische Hausmacht begründet.)
[67] Die Legenden, die uns
vom Leben einzelner Inklusen berichten, erzählen immer wieder
davon, dass Teufel in die Zelle eindringen
und versuchen, mit solchen und ähnlichen Fragen
die Inklusen Gott abspenstig zu machen;
natürlich ist es der Inkluse selbst, der sich vorüber-
gehend oder dauerhaft von den Konsequenzen
seiner Entscheidung überfordert fühlt und
und einen inneren Kampf ausficht, ob er
seinen Gelübde brechen und flüchten oder
ausharren soll
[68] Inklusenregel a.a.O. S. 115 f.
[69] nach
Irblich S.56 f.
[70] ebda S. 54
[71] Edmond Martène: De antiquis ecclesiae ritibus libri, Lib. II, cap. III , 1700 ff.
Jetzt auch in: Reprograph. Nachdruck der 2. erw. Ausgabe Antwerpen 1736 -
1738. Hildesheim : Olms, 19XX
[72] Des Augustinerprobstes Johannes Busch Chronicon Windesheimense und Liber de
reformatione monasteriorum, bearbeitet von Karl Grube (=Geschichtsquellen der Provinz
Sachsen und angrenzender Gebiete, Bd. 19)
Halle 1886, S. 656 ff.
[73] In: Des
Augustinerprobstes Johannes Busch Chronicon Windesheimense und Liber de
reformatione monasteriorum, bearbeitet von
Karl Grube (=Geschichtsquellen der Provinz
Sachsen und angrenzender Gebiete, Bd. 19)
Halle 1886, S. 656 ff.
BUSCH, Johannes, Klosterreformer, * 1399 in Zwolle (Niederlande), † 1479 oder 1480 in
Hildesheim, empfing im Kölner Dom die Priesterweihe, B. wurde 1447 Propst des
Neuwerkstifts in Halle (Saale) und zugleich Archidiakon über 120 Pfarreien mit 700
Priestern, Der Kardinallegat Nikolaus von Kues bestellte 1451 seinen Freund B. zum
Visitator der Augustinerstifte in der Kirchenprovinz Magdeburg und im sächsisch-
thüringischen Teil der Mainzer Provinz. Mit päpstlicher Vollmacht und mit Unterstützung
der Landesherren visitierte und reformierte er in Erfurt, Leipzig und Halberstadt. Seine
Gegner erreichten, dass der Erzbischof von Magdeburg ihm seine Gunst entzog. Darum
legte Busch 1454 sein Amt als Propst von Neuwerk nieder, setzte aber seine Visitationen
fort. 1456 besuchte er das Windesheimer Generalkapitel und widmete sich nun als einfacher
Bruder literarischer Arbeit: er schrieb die Lebensbilder der ersten 24 Windesheimer Brüder
und die Chronik des Windesheimer Klosters und der Kongregation.
[74] Der Priester ist der
Bischof oder ein von ihm autorisierter Amtsträger (Abt etc). Hier nimmt
Busch im Auftrage des Bischofs die
Einschließung vor, da der Suffragan erkrankt ist.
[75] siehe Anlage 2
[76] In der Vita Liutbirgis findet sich eine fiktive Predigt, die einen Eindruck
vermittelt, wie
eine solche Predigt ausgesehen haben könnte
- Text in Anlage 3
[77] Wenn Busch von
„Gebeten“ spricht, meint er wahrscheinlich Psalmen; ich vermute, dass
zumindest zum Teil die gleichen Psalmen
gebetet werden wie in Soissons. Siehe Anlage
[79] Ps. 112
[80] Ps. 27, 13
[81] Ps. 121, 8